Helena Zengel: „Erwachsenwerden ist einfach weird“

Helena Zengel spricht über das Erwachsenwerden in einer Generation zwischen Freiheit und Überforderung. Ein Interview über frühe Berühmtheit, Bauchgefühl und Verlust.

Interview von Maxine Schall

Foto: Kerstin Jacobsen

Jewelry: Alan Hamliko; Shoes: Chanel

Ich konnte dich heute einen Tag lang an unserem Foto-Set erleben, du wirkst sehr selbstbewusst, dabei bist du hier heute mit Abstand die Jüngste. War das schon immer so? 

Das Selbstbewusstsein war nicht schon immer in der Form da. Das musste ich mir antrainieren, es gibt Situationen, in denen ich mich wirklich pushen muss. 

Als wir ans Set gekommen sind, wolltest du direkt Musik anmachen. Pushst du dein Selbstbewusstsein auch mit Musik? 

Total. Besonders Musik höre ich immer und überall. Ich mache für jede neue Rolle eine Playlist, die mir dabei hilft, in die Mood zu kommen. 

Eben lief in deiner Playlist „In meinem Garten“ von Reinhard Mey. In welcher Mood bist du gerade? 

Ich hatte dieses Jahr einen harten Verlust, meine Oma ist gestorben. Das hat alles nochmal etwas verändert. Ich habe mich gefragt, was das Leben eigentlich lebenswert macht. Nicht, weil ich nichts hatte, aber weil ich darüber nachgedacht habe, wie schnell das Leben auch vorbei sein kann, leider. Im Moment freue ich mich aber trotzdem einfach auf alles, was kommt: Tolle Projekte, Zeit mit meinen Pferden und Freunden, Reitturniere. Das klingt immer wie ein Kalenderspruch, aber man muss sein Leben richtig leben. Deshalb bin ich so direkt geworden und sage klar „Ja“ oder „Nein“ zu Dingen. Das muss niemand verstehen oder geil finden, solange ich das geil finde. Was weiß ich, was morgen ist. 

Du bist ja gerade auch in einer sehr prägenden Phase des Erwachsenwerdens…

Ja, es verändert sich gerade vieles superschnell. Mein Leben wird chaotischer und ich habe so viele Pläne, Wünsche und Träume, die ich alle gleichzeitig realisieren will. Das ist bei mir auch schon immer so eine Sache gewesen, alles passiert gleichzeitig.

Kleid: Rosalba Faroqui Coat+Earring: Stylist’s Own

Wie gehst du mit dem Chaos um? 

Ich versuche, meine Gedanken zu sammeln. Erwachsenwerden ist einfach weird. An einem Tag fühlst du dich so, und am nächsten wieder anders. Meine aktuelle Phase ist pures Chaos und totale Stille gleichzeitig. 

Diese Suche nach sich selbst machen wir alle durch. Aber du musst zeitgleich immer wieder auch noch in andere Rollen schlüpfen – macht es das noch schwieriger, sich selbst zu finden? 

Voll. Ich bin in einem Alter, in dem man schon mal in einer Identitätskrise steckt. Das ist bei Schauspieler*innen vielleicht noch mal ein besonderes Thema, weil du gefühlt dein ganzes Leben immer wieder jemand anderen verkörperst. Man muss dafür mit sich selbst im Reinen sein und sich immer wieder auch die schönen Seiten der Schauspielerei vor Augen führen: Ich finde es schön, dass man so unterschiedlich fühlen darf und Facetten an sich entdeckt, die man sonst wahrscheinlich nie finden würde. 

Du wirkst älter als du bist. Das weißt du auch selbst. Wie findest du das überhaupt? 

Darüber denke ich gerade viel nach, weil ich so früh berühmt geworden bin und diese Karriere schon lange verfolge. In einem Alter, wo andere Kinder sich auf Klassenfahrten ausgetobt haben, habe ich gedreht und gearbeitet. Ich war einfach super früh in einer Erwachsenenposition und in einer Rolle, in der andere Erwachsene viel von mir erwartet haben. Das war ja mein Job und ich habe wie andere Geld damit verdient – nur dass ich noch ein Kind war. Für mich war es aber ein Segen, dass ich mich so früh so ausleben konnte, wie ich bin. Mit meiner super direkten Art ecke ich oft bei Menschen an, die davon irritiert sind. Für die Schauspielerei war das aber perfekt. Ich habe also zwar manches in meiner Kindheit verpasst, konnte aber dafür Dinge tun, die andere wahrscheinlich nie erleben werden. Das ist eine Balance, die man finden muss.

Wie hat dir dein Umfeld dabei geholfen? 

Meine Mum und alle Leute, mit denen ich zusammenarbeite, haben dafür gesorgt, dass ich diese Balance halte. Ich habe oft meine Freunde in mein Leben mitgenommen. Bei den Golden Globes zum Beispiel saß meine Freundin mit im Hotelzimmer. Wir haben immer Kompromisse gefunden, wie ich meine Kindheit trotz Arbeit ausleben konnte. Dann haben wir das Pferd halt mit an den Drehort genommen. Ich würde behaupten, dass meine Mutter mehr verpasst hat als ich, weil sie so viel für mich geopfert hat. 

Könntest du dich noch mal neu entscheiden: Würdest du wieder bereits als Kind eine Schauspiel-Karriere beginnen? 

Ich lebe meinen Traum. Ich habe so viel Drang und Freiheit in mir, dass ein „normales“ Leben für mich, glaube ich, die Hölle wäre und ich kann auch einfach nicht lange stillsitzen. Das kann ich in meinem Beruf gut nutzen. Aber gleichzeitig denke ich mir auch manchmal: Ey Helena, du bist 17. Mach dir nicht so einen Druck. Du darfst auch mal Scheiße bauen, schlecht gelaunt sein und dich einfach wie eine Siebzehnjährige verhalten. 

Gab es mal einen Moment, wo du dachtest: Das ist mir jetzt zu groß für mein Alter? 

Es gibt öfter Herausforderungen, bei denen ich denke: Das ist ungewöhnlich für mein Alter. Besonders, wenn ich das von Freunden gespiegelt bekomme, die dann total beeindruckt von dem sind, was ich machen muss. Das gibt mir aber ehrlicherweise eher einen Ego-Push. Jemand traut mir das in meinem Alter zu, also werde ich das auch schaffen. 

Hattest du mal Angst davor, als Kind berühmt zu werden und dann später als erwachsene Frau vielleicht nicht mehr so gefragt zu sein? 

Klar. Dieses One-Hit-Wonder-Phänomen. Ich glaube, Menschen verlieren oft durch das Älterwerden ihre kindliche Leichtigkeit. Man hat wenig Hemmungen als Kind und spielt einfach das, was einem in den Kopf kommt. Das muss man beibehalten, um weiterhin erfolgreich zu sein. Ich hatte das Problem bisher zum Glück nicht, weil ich einfach sehr ungehemmt bin.

Wirst du als junge Frau in der Branche ernst genommen? 

Du musst es einfordern. Es gibt viele Leute, die mich ernst nehmen. Die haben dann aber auch die Erwartungen an mich, eine gewisse Leistung zu bringen. Aber klar, manchmal werde ich auch nicht ernst genommen. Und ganz ehrlich, wenn mich jemand nicht respektiert, dann respektiere ich die Person auch nicht und das passt dann so. Man kann nicht immer mit allen cool sein.

Hat dir die Schauspielerei etwas beigebracht, das du ohne sie nicht gelernt hättest? 

Ja jedes Projekt eigentlich. Beruflich, sowie menschlich. Du verkörperst immer jemand anderen, lernst neue Menschen kennen, gehst auf unterschiedliche Arten an deine Grenzen. Bei der Serie, die ich gerade gedreht habe – „Westend Girl“ – sagt die Staatsanwältin in einer Szene: „Wenn etwas riecht wie ein Schwein, grunzt wie ein Schwein und aussieht wie ein Schwein, dann ist es auch ein Schwein.“ Auch eigentlich total Banane der Spruch, aber irgendwie ist er hängen geblieben: Man muss immer auf sein Bauchgefühl vertrauen. 

Wonach suchst du deine Projekte aus? Auch Intuition? 

Intuition und Gefühl, ja. Ich mag reale Storylines und intensive Rollen. Ich will aber auch immer abwechslungsreiche Dinge machen. Die Geschichte muss mich rocken. Wenn ich das erste Viertel vom Drehbuch gelesen habe und es mich nicht catcht, dann wird es das auch nicht mehr tun. 

Hast du ein Lieblingsprojekt bisher? 

Das kann ich nicht so einfach sagen, alles war immer sehr unterschiedlich. Was natürlich total besonders war, war mein erster Dreh in den USA für Neues aus der Welt mit Tom Hanks. Ich wusste als Kind nicht, wer er überhaupt ist und mittlerweile ist er sowas wie mein Zieh-Papa und ist immer einer der ersten, den ich anrufe, um mir Rat zu holen. Er saß auch schon mal hier am Stall auf meinem Pferd. Er sieht mich einfach als Helena und nicht als Schauspielerin.

Wie würde eine Rolle aussehen, die die echte Helena zeigt? 

Tatsächlichen schreiben meine Mutter und ich gerade zusammen an einer Serie, oder einem Film. Das wissen wir noch nicht genau. Es wird auf jeden Fall ein Thriller und etwas mit Pferden zu tun haben. Ich wollte zuerst schreiben und Regie führen, habe mich aber dann dazu entschieden, dass ich lieber auch selbst spielen möchte. Es ist witzig, meine eigene Rolle zu charakterisieren und zu schreiben. Meine Rolle wäre so eine freigeistige, wilde, abenteuerliebende und lustige Wendy. 

Wenn du hier bei deinen Pferden bist, was passiert da innerlich mit dir? 

Das hier ist ein Ort, an dem mich niemand bewertet. Ich bin hier immer sehr bei mir, reflektiere viel und fühle sehr ehrlich. Das Chaos in meinen Kopf wird dann super still und ich bin total im Moment. Weit weg von irgendwelchen Ansprüchen oder Erwartungen, die Leute an mich haben. 

Was können Pferde denn besser als Menschen?

Pferde können nicht klassisch kommunizieren, sagen aber total viel durch kleine Gesten. Pferde leben einfach im Jetzt. Mir kommt es manchmal so vor, als würde unsere gesamte Generation unter Anxiety leiden. Weil wir entweder in der Zukunft oder in der Vergangenheit leben. Das existiert hier auf dem Hof nicht. Die Pferde nehmen jede Situation so wie sie ist und das, was sie in diesem Moment haben, macht sie glücklich. 

Styling: Luis Schöll, Jule Drenker, Maxine Schall