Lieben wir Mode wirklich?
oder doch nur das Besitzen von Kleidung?

Kleidung wird immer schneller
ausgetauscht, bevor sie überhaupt kaputtgeht,
das Reparieren gerät in Vergessenheit.
Sommerurlaub, Halloween, Weihnachten, Silvester. Zu jedem Anlass wird ein neues Outfit gebraucht, ein Kleidungsstück, das noch nie jemand gesehen hat. Den gleichen Bikini in Griechenland tragen, mit dem man schon Bilder aus Italien gepostet hat? Zwei Jahre hintereinander das gleiche Kostüm anziehen? Nein, das geht nicht. Neue Saison, neuer Kleiderschrank. Mit jedem Mikro-Trend eine neue Persönlichkeit. Ein Trend hört auf zu trenden und auf einmal lässt sich die „alte” Garderobe nicht mehr stylen und muss ersetzt werden. Die Langlebigkeit von Kleidung verliert zunehmend an Bedeutung. Reparaturfähigkeiten wie das Stopfen eines Lochs oder das Annähen eines Knopfes sind daher kaum noch gefragt – Kleidung überdauert den schnellen Trendzyklus oft gar nicht lange genug, um überhaupt kaputtzugehen. Und selbst wenn doch: Neu kaufen ist sowieso einfacher als Reparieren.
Die Frage ist: Wenn wir Mode lieben, wieso haben wir die Wertschätzung für unsere Kleidung verloren? Einer Greenpeace-Studie zufolge trennen sich zwei von drei Menschen von noch völlig intakten Kleidungsstücken, schlicht, weil sie ihnen nicht mehr gefallen. Gleichzeitig geht die Bereitschaft zur Reparatur zurück. Nur noch 51 Prozent der Befragten haben in den vergangenen sechs Monaten ein Kleidungsstück selbst instand gesetzt. Damit scheint nicht nur die Beziehung zur eigenen Kleidung verloren zu gehen, sondern auch das Bewusstsein für ihre Entstehung: Keine Nähmaschine kann von alleine nähen. Jedes Kleidungsstück geht durch unzählige Hände und erfordert die Arbeit unzähliger Menschen. Wenn wir all das nicht mehr sehen, den Wert von Kleidung nicht mehr erkennen: Lieben wir dann Mode wirklich? Oder doch nur das Besitzen von Kleidung? Bleibt ein Kleidungsstück wider aller Wahrscheinlichkeiten doch länger im Besitz, zeigen sich oft irgendwann die ersten Gebrauchsspuren. Ein Loch in der Socke oder im T-Shirt, einen Faden, der den Lieblingspulli Masche um Masche auflöst, einen Knopf, der von der Jacke abgefallen ist oder eine Jeans, die zu groß ist. Natürlich gäbe es dann verschiedene Möglichkeiten, wie man mit dieser Situation umgehen kann. Die naheliegendste Lösung wäre, das Teil zu reparieren. Das Problem: Nur noch wenige Menschen können ein Loch stopfen oder Knöpfe annähen – oder sehen einfach keinen Mehrwert dahinter. Denn den Artikel zu ersetzen, ist meist einfacher. Wie weit sich unsere Gesellschaft vom Reparieren entfernt hat, lässt sich unmittelbar dort erkennen, wo Wissen vermittelt wird: in den Klassenräumen der Republik. An einigen wenigen Schulen sind handwerkliche Fächer wie „Handarbeit“ oder „Textilkunde” noch Teil des Stundenplans, an den meisten Schulen wurden sie hingegen längst aus den Lehrplänen gestrichen. Ein Handwerk zu beherrschen hat in der Akademisierung des Bildungssystems schlichtweg an Bedeutung verloren und Handarbeit einen echten Imagemschaden davongetragen.
Vor allem aber sieht, wer einfach neu kaufen kann, nicht die Notwendigkeit, das alte aufwändig zu reparieren. Noch vor wenigen Generationen galt es als selbst verständlich, nähen zu können und aus Gebrauchtem wieder Neues herzustellen. Kleidung wurde instandgehalten – nicht aus Überzeugung, sondern aus Notwendigkeit. Wegwerfen war meist keine Option, Reparieren hingegen die Regel. Historisch zeigt sich, Mode-Handwerk und Reparaturkünste rücken immer dann in den Fokus, wenn es die Umstände verlangten: 1929, nach dem Börsencrash in den USA, verloren viele Menschen ihre Arbeit und konnten ihre Familie nicht finanzieren. Ohne Geld für neue Kleidung mussten sie zu anderen Mitteln greifen, wiederverwenden, recyceln, den Konsum reduzieren. Neue Kleidung wurde aus alten Vorhängen, Tischdecken oder sogar Kartoffelsäcken genäht. In Großbritannien wurden Plakate mit Aussagen wie “Make do and Mend” (Auskommen und Ausbessern) an öffentlichen Orten aufgehängt. Stoffe und Produktionskapazitäten wurden dringend für die Kriegsanstrengungen benötigt, für Uniformen und Fallschirme. Kleidung sollte daher repariert, wiederverwendet und umgestaltet werden, anstatt sie neu zu kaufen. In der Nachkriegszeit dann wurde Kleidung aus alten Fahnen genäht. Brautkleider aus Fallschirmen und Mäntel aus Rotkreuz-Decken. Auch Wehrmachtsuniformen wurden recycelt. Da aber das Tragen von Khaki und Olivgrün verboten war, wurden sie mit Heidekraut, Roter Beete, Efeu, Zwiebelschalen oder Ochsengalle eingefärbt. Selbst Bettwäsche und Tischdecken wurden neu zugeschnitten. Die Not machte erfinderisch. Hinter uns liegt also eine lange Geschichte des Einfallsreichtums und der Kunst, aus wenig viel zu machen. Mode war schon immer von Menschen für Menschen gemacht. Heute sind wir jedoch in einer Zeit angekommen, in der wir mit nur einem Klick ein neues Kleidungsstück kaufen können. Der bedrückende Mangel ist dem reinsten Überfluss gewichen. Würde die weltweite Textilproduktion heute zum Stillstand kommen, müssten wir dennoch lange keinen Mangel fürchten. Wir hätten trotzdem genug Kleidung auf diesem Planeten, um sechs weitere Generationen einzukleiden.
Die meisten von uns müssen nicht mehr kreativ werden, wenn ihre Kleidung kaputt geht. Oft heißt es dann, unsere Kleidung habe sowieso an Qualität verloren. Doch das darf keine Ausrede dafür sein, dass diese Kleidung nicht langlebig sein kann. Vielmehr müssen wir lernen, unsere Kleidung richtig zu lieben und zu schätzen, damit wir uns die Zeit nehmen wollen, sie zu reparieren. „Wer kaputte Klamotten repariert, repariert ein kaputtes System”, sagte schon die Modedesignerin Orsola de Castro. Vielleicht sollten wir uns wieder dazu entscheiden, Mode als die Kunstform zu sehen, die sie ist und sie als diese wertzuschätzen. Mode muss nicht immer neu sein, damit wir sie lieben können.
