ALLES ODER NICHTS
DESIGNERPORTRÄT



Es liegen 7500 km zwischen uns. Kusi Kubi lebt zurzeit in Accra, die Hauptstadt von Ghana, wo er gerade an seiner neuen Kollektion arbeitet. Trotz der Entfernung ist seine Euphorie spürbar, denn obwohl der Sitz der Brand in Accra ist, findet die Show nicht in Ghana, sondern in Berlin statt.
Schon lange nicht mehr verbindet man mit dem Begriff African Fashion traditionelle Stammkleidung.
Vielmehr wird damit moderne farbenreiche Mode assoziiert, die eine Fläche braucht, um gesehen zu werden.
So zeigt das afrikanische Label Palwine Icecream als einer der 19 Gewinner der Berlin Contemporary, erstmals auf der Berlin Fashion Week. Der Designer ist aber kein Neuling in der Modeszene und auch das etwas andere Klima ist für ihn nicht fremd.
PALMWINE ICECREAM
Aufgewachsen in einer Familie, die sich zwischen Accra und London hin und her bewegte, ist das europäische Klima seine zweite Heimat. Durch sein Studium in London dreht sich Kusi’s Leben bis heute zwischen Accra und der Millionenstadt. Die Verbindung dieser Städte ist in seinem Design deutlich sichtbar.
Ein für London typischer Trenchcoat wird am Kragen mit einer traditionellen afrikanischen Stickerei veredelt. Darunter trägt das Model ein T-Shirt und eine Baggyjeans. Die dreifach umwickelte Chunky-Goldkette die als Gürtel dienen und Lederhandschuhe mit goldenen Nieten werten den klassischen Streetstylelook auf. Gelbe Socken stechen unter den für Afrika typischen Rubber Sandalen hergestellt aus alten Autoreifen hervor. Palmwine Icecream steht für Kontrast, und das Zusammenführen von Gegensätzen. Kusi ist es wichtig die im Kontrast stehenden Welten der Großstadt und der Tradition seiner Heimat in Afrika zu verbinden. Durch Layering sind die Looks vielseitig und wandelbar für jede Klimazone.

MOODBOARD
LIEBLINGSMATERIAL LEDER
An seinem Moodboard zur neuen Kollektion sind Bilder von Pamela Anderson, Elemente von Mugler, Schmuck und Gold aber auch traditionelle Handmalereien angepinnt.
Ein Highlight der neuen Kollektion ist ein natürlich gefärbter Baumwollstoff. Der Farbstoff kommt von dem Harz eines speziellen Baumes. Nach dem zweiwöchigen Färbeprozess bekommt der Stoff einen natürlichen Goldschimmer und wirkt leicht bronzefarben.

Sein Lieblingsmaterial ist dennoch Leder. Egal ob Blazer, Hosen, Mäntel, Kleider, Westen oder Röcke alles wird aus diesem Material in bunten Farben und der besonderen Tye-Dye-Technik aus natürlichen Farbstoffen hergestellt. Als Liebhaber von „Old Glamour“, liebt er das Schicke mit dem Alltäglichen zu verbinden. Fast jeder Look wird mit starken goldenen Ohrringen oder Ketten ergänzt, die das Outfit von „Streetstyle“ zu „Streetchic“ verwandeln.
Ein Kleid hergestellt aus zusammengeschweißten silbernen Ösen erinnert an das Design von Paco Rabanne, kombiniert mit einem Mesh-Longsleeve, kurzer Lederpants und hohen Leder-Overknees wird daraus ein besonderer Abendlook für die Großstadt.
Das Leder bezieht er vom Norden Ghanas. In den religiösen Gemeinschaften werden die Tiere für das Essen geschlachtet. Die Haut wird für Gebetsteppiche oder Pfeil und Bogen verwendet. Die übrig gebliebenen Lederreste kauft Palmwine Icecream auf. Mit der richtigen Behandlung schenkt er dem Material neues Leben.
Seit er die zahlreichen Möglichkeiten an Leder erforscht, wird seine Obsession immer größer. Neues mit dem Material auszuprobieren ist für ihn immer wieder ein Abenteuer. Da es in Accra neu ist auf diese Weise mit Leder zu arbeiten, recherchiert Kusi selbst viel über die Konservierung und Formgebung. „All of that is stuff that I’m learning whilst I’m creating.”
„WENN ICH ANFING IN DER BRANCHE ZU ARBEITEN WAR ES EINE ART VON „GATEKEEPING“
Neben seinem Wirtschaftsinformatikstudium in London interessierte er sich schon immer für Mode und aktuelle Trends. Auf die Frage wie er in die Modebranche kam, muss er schmunzeln.
„Es klingt sehr nach einem Klischee, aber ehrlich gesagt ging ich zu einer Fashionparty, wo ich eine Frau traf, und sie zu mir meinte: „Oh mein Gott, du siehst toll aus! Möchtest du mich assistieren?” Ich dachte mir, wow, das ist genau das, was ich eigentlich machen möchte!“
Fashion Assistant, Fashion Stylist, Fashion PR, Creative Director. Obwohl Kusi nie Mode studiert hat, weiß er worauf es in der Modebranche ankommt.
Mit den verschiedenen Jobs unter anderem auch bei der London Fashion Week lernte er wie die Modeindustrie funktioniert. Daraus entstand die Motivation für Palmwine Icecream. Sein kleines Team übernimmt die Aufgabe des Samplings.
Der Creative Direktor selbst kümmert sich um die Designs, und Stoffe und weiß genau welche Silhouetten entstehen sollten. Mit dem Privileg schon im frühen Alter neben Accra in der Modemetropole London zu leben, war der Weg in die Branche mit Glück und Zufall verbunden. Trotzdem lernte er früh sich zu beweisen. In Afrika bekommt man wenig Information über Jobmöglichkeiten, Angebote und Förderungen. Bei seinen ersten Projekten als Assistent lernte er wie hart und zugleich schön dieser Job sein kann.
„Wenn ich anfing in der Branche zu arbeiten war es eine Art von „gatekeeping“ also niemand hat dir wirklich genaue Auskunft über Dinge gegeben. Heutzutage durch Social Media bekommt man sehr viel Information einfach präsentiert. Im Gegensatz, als ich angefangen habe, musste ich mir ein Abo von Fashion Monitor kaufen, jeden Monat zahlte ich dafür, um alle News und Updates der Modeszene zu bekommen.“
FEHLENDE UNTERSTÜTZUNG IN AFRIKA
BERLIN CONTEMPORARY
Er weiß, wie schwer es sein kann Aufmerksamkeit zu bekommen, um als Label überleben zu können. In der afrikanischen Modeszene fehlt es an Geld, um international präsenter zu sein. Es gibt nicht genügend Unterstützungen und Sponsoren die junge Talente fördern. Denn um wachsen zu können braucht es Geld für Samples und die Produktion. Bei den meisten Jungdesigner ist nach der ersten gesponserten Show Schluss. Der Designer wünscht sich mehr Unterstützungen und Projekte, die das Geld für Stoffe bereitstellen aber auch Workshops anbieten, um das textile Wissen zu vertiefen.
Kusi hat sich selbst umgesehen, welche anderen Möglichkeiten es gibt. Ein Freund machte ihn auf das Ausschreiben der Berlin Contemporary aufmerksam. Ab dem Moment saß er tagelang an dem Anmeldungsformular. Um alles dafür zu tun, dass es funktioniert.
„Ich wollte es so sehr, dass ich tagelang an dem Anmeldungsformular saß, um sicher zu gehen, dass ich alles dafür getan habe, um dabei zu sein. Ich bin so froh, dass es geklappt hat. Als ich von dem Angebot hörte, dachte ich mir nur: Alles oder Nichts.“
“I wanted it so badly, so I made sure that I spent all my time on that form and I’m just so glad that it came to light. When I got the opportunity, I was like oh my god because I was like I either get this or nothing.
