Ein leises Klackern und Surren hallen durch die Altbauwohnung. Am Webstuhl sitzt Annina, konzentriert und vorsichtig fädelt sie Garne in den Webstuhl vor sich ein. Sie hat etwas Zartes an sich, ähnlich den Kleidungsstücken, die sie kreiert. Fast wie zerrissen kommen diese daher und die einzelnen Fäden verlaufen wie Adern über den Körper. Fragilität, die für Annina eine Stärke ausmacht. Denn gibt es etwas, dass mehr Mut erfordert, als seine Verletzlichkeit offen zu tragen? Eine kleine Rebellion gegen das Verstecken hinter breiten Silhouetten und dicken, schwarzen Stoffen, die besonders in Berlin die Überhand gewonnen haben.

Annina selbst ist in Italien geboren und zog mit ihrer Familie in die Schweiz, in einen kleinen Ort nahe der Touristenstadt Lugano. Dem Leben auf dem Land konnte sie viel abgewinnen. Sei es der malerischen Natur, oder den Großmütterchen, die Spitzenstoffe mittels minuziöser Handarbeit anfertigten.Eine etwas kompliziertere Beziehung hat Annina zur Religion, die eine dominante Rolle in ihrer Jugend einnahm. Alle Freizeitangebote des Dorfs fanden im Kontext der Kirche statt, ihre Familie ist selbst streng religiös. Sonntag ging es immer in die Kirche, doch während gepredigt wurde, ließ Annina ihren Blick umherwandern und fand eher Gefallen an den Malereien an den Decken, dem Duft des Weihrauchs oder den Stoffen der Gewänder. Geborgen, sicher oder beschützt fühlte sie sich in der Kirche jedoch nie besonders. Konzepte wie „Reinheit“ und „Sünde“ sieht sie kritisch, Queer- und Frauenfeindlichkeit halfen auch nicht besonders dabei, dass sie sich willkommen fühlte. 

Ein Kapitel, an welches sie sich besonders gerne erinnert, ist ihre Zeit auf einer Nähschule in der Schweiz, denn hier fühlte sie sich zum allerersten Mal unabhängig. Die Schule war abseits von dem behüteten Zuhause, in den Bergen, der Schulweg war sehr lang und täglich fuhr sie mit dem Zug durch das üppige Naturspektakel der Schweiz. Zwar lernte sie zu nähen und zu entwerfen, doch als Teil der Mode-Welt sah sie sich nicht und lacht, wenn sie an ihre Flannel-Hemden Outfits von damals denkt.

Das änderte sich, als sie mit 18 nach Berlin kam, um Modedesign zu studieren. Oft hatte sie hier schon ihren Bruder besucht und schon dort liebte sie die Freiheit, die die Stadt ihr gab. Berlin bot das komplette Kontrast-Programm zu dem konservativen Dorfleben, in welchem jede Abweichung der Norm mit bösen Blicken und Worten bestraft wurde. So probierte Annina sich aus, in der eigenen Selbstentfaltung, aber auch in ihrer Designsprache. Sie legt Wert darauf, mit organischen Stoffen und Formen zu arbeiten und schon früh arbeitete sie im distressed-Stil, lässt Fäden heraushängen und Strickmuster scheinen sich keiner bewussten Ordnung zu unterwerfen.

Doch viele, mitunter auch ihre Dozenten, lehnten dies ab. Praktikabel und schlicht sollte die Mode sein, die an den Mode-Schulen entworfen wurde und Anninas Entwürfe wurden als „Kostüme“ abgetan. Die Kritik trieb sie nur weiter an, ihre Zeit sollte noch kommen. Schaut man sich heutige Trends an, ist es schwer vorstellbar, dass Anninas Kleider sich je entgegen dem Zeitgeist befanden. Fairy-Core ist jedem ein Begriff, die Modeszene möchte sich kostümieren und hat Mut und Willen aufzufallen. Celebrities wie Noah Cyrus und Melanie Martinez tragen Kleider und Oberteile von Annina und auf Pinterest und TikTok hatten ihre Pieces virale Momente und werden hoch angepriesen. Besonders in Amerika schätzt man ihre Designsprache und einige New Yorker Boutiquen sind im Gespräch ihre Stücke in ihre Stores aufzunehmen — ein Traum für Annina. Und was ist nun der Monk-Core? 

Einerseits ein spielerischer Umgang mit dem so allgegenwärtigen „Core“ Begriff, der jegliche Strömungen zu einer eigenen Ästhetik deklarieren möchte. Ihr sei es wichtig etwas Leichtigkeit und Augenzwinkern in ihrem Business zu bewahren, denn es sei immer noch nur Mode und keine Herzoperation, wie sie selbst anmerkt. Mit all den verdrießlichen Stunden in der Kirche im Hinterkopf rechnet sie jetzt mit dem Mönchs-Bild und der für sie unterdrückenden Idee von „Reinheit“ ab. Ihre Kunden fühlen sich wohl damit, Haut zu zeigen und zelebrieren ihre Körper. Mönchskapuze und durchsichtiger Stoff, das geht beides. „Dressing as a monk can still be fabulous.“