Bis zum Grund!
Aufbrauchen statt anhäufen
Wann hast du zuletzt den Boden deiner Lidschattenpalette gesehen? Project Pan zeigt, wie man mit bewusstem Aufbrauchen statt radikalem Ausmisten Geld, Ressourcen und Platz spart – und wieder lernt, den eigenen Besitz wertzuschätzen.

Oft genügt ein Blick in den eigenen Kleiderschrank, die Küchenschubladen oder ins WG-Zimmer, um zu verstehen, wie schnell Besitz zur Belastung werden kann. Kein Mensch braucht 10.000 Dinge. Aber im Schnitt hat jeder Mensch in Europa Schätzungen zufolge so viel angesammelt. Überall türmen sich Dinge, die kaum genutzt werden und dennoch Platz beanspruchen: doppelte und dreifache Ladekabel, Kopfhörer und Powerbanks, mehrere Handcremes, Lippenpflegestifte und Parfums, längst vergessene Notizbücher, identische Küchenutensilien oder Kleidung, die mehr Stauraum blockiert als sie im Alltag zum Einsatz kommt. In vielen Haushalten entsteht so ein Übermaß, das nicht nur den Wohnraum, sondern auch die Sinne vollkommen überfrachtet.
Irgendwann stellt sich dann meist unweigerlich die Frage: Brauche ich das ganze Zeug wirklich? Für viele wächst daraus der Impuls, radikal auszumisten – alles loszuwerden, was weder gebraucht wird, noch einen tatsächlichen Wert stiftet. Nicht umsonst ist Marie Kondō mit ihrer Aufräummethode zur Königin des Ausmistens geworden. 13 Millionen Mal wurde Kondōs Buch „Magic Cleaning: Wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert“ verkauft. In vielen Teilen der Welt kramten Menschen in ihren Kleiderschränken, Kellern und unter ihren Betten und fragten sich – frei nach der KonMari-Methode: „Does it spark joy?“ – Macht es mir Freude?“. War die Antwort Nein, flogen die Teile raus. Aber ist radikales Entrümpeln wirklich die Lösung – und vor allem nachhaltig?
Unter dem Namen Project Pan zeichnet sich im Netz gerade eine Gegenbewegung zum radikalen Loswerden ab. Project Pan ist eine Challenge, bei der es darum geht, Produkte komplett aufzubrauchen, bevor man neue kauft. Das Phänomen kommt aus der Make-up- und Beauty-Community und stammt vom Begriff „Hit the Pan“, also den Boden der Cremedose oder der Lidschattenpalette zu erreichen. Der Trend startete 2024, als Menschen im Netz erkannten, wie viele Dutzende Shampoos oder Lippenstifte sie besitzen und andere in Videos dazu inspirieren wollten, ihre Shopping-Gewohnheiten zu überdenken. Plötzlich zeigten Menschen stolz ihre leeren Cremetiegel und Lippenstifte in die Kamera.
Die „Project Pan“-Challenge lässt sich aber nicht nur auf Beauty- oder Pflegeprodukte anwenden, sondern auch auf Bücher, die man nie gelesen hat, Zutaten, mit den man noch nie gekocht hat, unbenutzte Notizbücher oder Kleidungsstücke, an denen noch das Preisschild hängt.
Was heute ein TikTok Trend ist, war früher Normalität. Niemand schnitt nicht seine Zahnpastatube auf, um den letzten Rest herauszukratzen, Socken wurden gestopft und aus aufgetragener Kleidung wurden Putzlappen geschnitten. Doch warum ist es heute nicht mehr selbstverständlich, Dinge wirklich aufzubrauchen? Liegt es daran, dass es vielen Menschen materiell besser geht – oder daran, dass Wertschätzung für Besitz in einer Überflussgesellschaft verblasst? Ein Grund könnte die massenhafte Produktion sein: Es wird mehr hergestellt, als Menschen realistischerweise brauchen oder nutzen können. Zudem wird Konsum zunehmend emotional aufgeladen. Viele Käufe haben vor allem die Funktion eines spontanen Dopamin-Kicks oder dem Wunsch, einen bestimmtenLebensstil zu verkörpern. Während früher meist aus Notwendigkeit gekauft wurde, steht heute oft die Selbstinszenierung im Vordergrund. Trends wie Project Pan oder Underconsumption Core (wenig neu kaufen) zeigen eindrücklich, wie stark Überkonsum – besonders in den sozialen Medien – normalisiert wurde und öffnen vielen erst die Augen.
Oft kann man sich über Trends ärgern, meist geht es darum, etwas zu konsumieren. Doch der Project Pan Trend regt stattdessen zu einem bewussteren Konsum an. Er kann dabei helfen, Geld zu sparen, zeigt, wie lange Produkte tatsächlich halten, kann Fehlkäufe und unnötigen Verpackungsmüll vermeiden. Der Fokus liegt nicht auf Einschränkung, sondern auf Wertschätzung – und der Erkenntnis, dass viele das meiste von dem, was sie benötigen, schon längst besitzen.
