Discovering Berlin Brands
Discovering Berlin Brands ist unser kuratierter Blick auf die spannendsten Marken der Hauptstadt. Für alle, die wissen wollen, welche Designer*innen heute prägen, was morgen Stil und Relevanz hat.
Karen Jessen
Die Berliner Designerin und Textilkünstlerin Karen Jessen ist eine Pionierin des Upcyclings. Im Interview erzählt sie, wie sie überschüssige Materialien zu Mode verarbeitet und die Strukturen der Modeindustrie hinterfragt. Sie spricht über Hürden auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit und darüber, was sie als junge Designerin gern früher gewusst hätte.
Wie beginnst du deinen Designprozess – mit einem Material, einer Idee oder eher mit einem Gefühl?
„Ich sammle meine Stoffe und Materialien von verschiedenen Menschen, bevor ich anfangen kann zu designen. Da ich nur Deadstock Materialien benutze, also überschüssige Stoffe, die ursprünglich für andere Kollektionen oder Projekte produziert wurden. Anfangs habe ich mich auf langlebige, qualitativ hochwertige Materialien wie Jeans und Leder konzentriert. Nach einer Weile habe ich mich jedoch an dem blau von Jeansstoff sattgesehen und fing an, Reifenschläuche und Häkeldecken zu verarbeiten.“
Welche Vision hattest du am Anfang, als du dein Label BENU Berlin gegründet hast?
„Wir wollten der Fast Fashion Industrie entgegenwirken. Ich habe schon immer künstlerisch aufwendige Designs kreiert und meinen Fokus auf anspruchsvolle Handwerksarbeit gelegt. Mit der Zeit hat man versucht, meine Kolleg*innen und mich in eine kommerzielle Richtung zu drängen. Damit kann ich mich weder identifizieren noch ist das der Sinn meiner Kunstwerke. Ich möchte meine Designs nicht komprimieren, sonst würde ich mich selbst in ihnen nicht mehr wiederfinden und meine Identität als Designerin verlieren.“
Hat sich deine Vision über die Jahre verändert?
„Nein, aber ich habe für mich entschieden, dass ich keinen Labelnamen mehr brauche, sondern lieber unter meinem eigenen Namen arbeite. Zudem verstehe ich mich mittlerweile mehr als Textilkünstlerin als eine Modedesignerin.“
Du kreierst nebenbei auch noch mit der Fetisch- und Clubwear-Brand THE CODE eine Kollektion. Was ist das Besondere an dem gemeinsamen Projekt?
„Wir produzieren für unsere Kleidungsstücke nahtlosen Rundstrick in Italien, der aus recycelten Nylonfasern (Econyl) besteht. Und unsere gemeinsame Kollektion richtet sich nicht nach dem kommerziellen Modezyklus.“
Was würdest du gern an der Modeindustrie verändern, wenn du könntest?
„Ich würde mir wünschen, dass sowohl die Produzent*innen als auch die Konsument*innen mehr Wert und Persönlichkeit in ein Kleidungsstück legen. Kleidung und unsere Umwelt sollten geschätzt werden.“
Gab es Dinge, an denen du fast gescheitert oder verzweifelt wärst auf dem Weg, ein nachhaltiges Label aufzubauen?
„Ich verspüre dauerhaft wirtschaftlichen Druck. Da ich mehr Künstlerin als kommerziell getriebene Modedesignerin bin, ist die finanzielle Frage des Überlebens immer präsent. Dennoch finde ich Wege, um meine Kunst kreieren zu können.“
Musstest du dafür Kompromisse eingehen?
„Ich habe nebenbei zwölf Jahre lang als Lehrerin und Dozentin für Modedesign (unter anderem an der HTW und in der Lehrausbildung für Schneider*innen) gearbeitet, Kostüme für Filme designend oder Produkte für andere Designer*inne entwickelt. Auch für Helene Fischer habe ich bereits Bühnenkleidung designt. Man schafft es zu überleben, aber man muss engagiert sein und seine Kunst breit fächern – und meist muss man mehrere Jobs gleichzeitig machen.“
Wenn du heute deinem jüngeren Ich einen Rat geben könntest, was würdest du ihr sagen?
„Es ist wichtig, sich selbst gegenüber treu zu bleiben und die eigene Vision durchzusetzen. Man sollte sich nicht zu viel von anderen Leuten beeinflussen lassen und seine Energie nicht mit den Erwartungen von anderen verschwenden. Man lernt natürlich viel von seinen Mitmenschen und Kolleg*innen und es ist hilfreich Rat anzunehmen, aber ist es wichtig, trotzdem das eigene Ziel zu verfolgen.“
