Discovering Berlin Brands

Lilian Brade


Aus Secondhand-Stoffen, Baumarktmaterialien und kollektiver Wut formt die Designerin Lilian Brade eine radikale Bildsprache. Im Interview spricht sie über Pforzheim, darüber, wie die Geschichte ihrer Oma ihre Arbeit inspirierte und über Wut, Transformation und politische Statements in der Mode.


Du hast Modedesign in Pforzheim studiert, eine renommierte Universität, aber nicht unbedingt eine Modemetropole, wie hat dich Pforzheim geprägt?

Ich habe dort meinen kreativen Kreis gefunden mit Leuten, die mich inspirieren. Unter anderem bekam ich dadurch die Möglichkeit für Kitschy Couture zu arbeiten.

Wie kommt man in einer Kleinstadt wie Pforzheim an gute Materialien?

Die zwei einzigen Stoffläden in Pforzheim haben leider beide geschlossen, deshalb musste ich kreativ werden. Ich versuche so viel wie möglich mit Secondhand Stoffen zu arbeiten und experimentiere gern mit Materialien. Die meisten Textilien für meine Designs finde ich in Thrift Stores, auf Ebay Kleinanzeigen oder im Baumarkt.

Du thematisierst in deinen Designs Feminismus, Wut, den weiblichen Körper und Transformation, wieso diese Themen?

Schönheitsideale zu hinterfragen ist ein zentraler Punkt meiner Kunst. Dinge, die als konventionell hässlich oder abstoßend empfunden werden, haben mich schon immer gereizt. Während meines Studiums habe ich mich viel mit dem Älterwerden des weiblich gelesenen Körpers befasst und meine Handarbeit bewusst als ein politisches und feministisches Mittel eingesetzt. Ich habe schon immer intersektional feministisch gearbeitet.

Hast du selbst Erfahrungen gemacht, die dich dazu inspiriert haben?

Meine Oma meinte einst zu mir, sie würde sich selbst nicht mehr schön finden. Daran erkennt man, wie älteren Frauen gesellschaftlich vorgelebt und eingeredet wird, sie seien verbraucht oder weniger wert, gesehen zu werden. Inspiriert wurde ich also von der Geschichte meiner Oma und ihren Handarbeiten wie Stricken und Häkeln. Meine Kollektion ist daher eine Hommage an meine Oma. Sie soll eine utopisch-matriarchalische Welt verkörpern, die Handwerk, älter werdende Körper und Gemeinschaft unter Frauen zelebriert.

Du hast gemeinsam mit anderen Künstler*innen beim Kurzfilm „The Feminine Urge“ Regie geführt. Wie sah der kreative Prozess aus: Gab es bestimmte Rituale, Inspirationsquellen oder Kollektivmomente, die den Film geprägt haben?

Meine Freundin hat während der Produktion meines Films einen Workshop (weiblicher Wutkreis) für FLINTA Personen angeboten, bei dem die Teilnehmer*innen über ihre eigenen Erfahrungen und Wut miteinander reden konnten. Dieser Workshop war sehr prägend und inspirierend für mich. Ich konnte erleben, wie die Wut anderer Personen gegenüber dem Patriarchat und gesellschaftlichen Strukturen aussieht und sich anfühlt.

Und wie hast du diese Inspiration dann umgesetzt?

Ich habe bewusst FLINTA Personen in meinen Designprozess integriert. Der Look mit den vielen Gliedmaßen (Mater Bregiorum) besteht aus Körperabformungen meinerFreundinnen. Eine weitere Inspirationsquelle waren Horrorfilme. Es war spannend diese Filme durch eine feministische Linse zu betrachten. Antagonistinnen, die nicht als unterwürfig, sanft und harmlos dargestellt wurden, sowie ihr Mut zur Hässlichkeit war erfrischend. Im Gegensatz zu dem stereotypischen, einengenden Frauenbild, das uns von der Gesellschaft auferlegt wird.

Aber wie lässt sich Wut in Stoff übersetzen? Gibt es Materialien oder Formen, die für dich mit weiblicher Aggression oder innerer Spannung verbunden sind?

Ich versuche mit unkonventionellen Stoffen und Materialien zu arbeiten, die meist nicht in der Mode verwendet werden. Für die Kollektion „The Feminine Urge“ habe ich viel mit Spezialeffekt Materialien gearbeitet, die normalerweise in Filmen verwendet werden. Zum Beispiel Flüssiglatex oder flexibler Schaum, den ich für meine 3D-Elemente benutzt habe.

Auch Metall, Bandagen für Körperabformungen, Glasfasermatten und Epoxidharz habe ich bereits für Looks verwendet. Ich versuche, Stoffe und Kleidungsstücke, die oft sexualisiert und fetischisiert werden wie Latex oder Unterwäsche in einen neuen Kontext zu setzen, um so deren patriarchale, sexistische Auslegung zu durchbrechen. Ich möchte damit in meinen Designs sexuelle Befreiung andeuten.

Dein Film spielt in Laboren, oder Arztpraxen mit Gynäkologenstuhl, was verbindest du mit diesen Räumen?

In der Medizin wird oftmals Kontrolle über den weiblichen Körper ausgeübt, indem Missinformationen über Weiblichkeit verbreitet werden. Medizinische Studien werden überwiegend oder nur an weißen cis Männern ausgeübt. FLINTA Personen und people of color werden hingegen oft nicht ernst genommen, übersehen und fehldiagnostiziert. Da es in unserer patriarchalen Welt nicht genug Wissen über ihre Körper gibt.

Es geht also um Macht und Kontrolle?

Mich fasziniert der weibliche Körper als Ort der Transformation und die Möglichkeiten, wie Frauen die Grenzen ihrer eigenen Haut erkunden können – sei es in der Pubertät, während der Schwangerschaft, in den Wechseljahren oder im Transsein. Auch Themen wie mütterliche Kontrolle oder Kastrationsängste spielen in meiner Kunst eine Rolle. So habe ich beispielsweise Vagina Dentata – ursprünglich eine Kastrationsmaschine – als Charakter in einem meiner Looks inszeniert, um die Entmachtung des Mannes zu thematisieren. In meiner Arbeit möchte ich den Kontrast zwischen männlich konnotierter Rationalität und Dominanz sowie patriarchaler Körperlichkeit aufzeigen, die sich zugleich einer Kontrolle und stigmatisierenden Kategorisierung entzieht.