Editorial. Hotline Issue 5 – Sehnsucht
Wir haben lange gezögert, dieser Ausgabe ein Thema zu geben. Nicht aus Unentschlossenheit, sondern aus Respekt vor dem Prozess. Wir wollten Raum lassen – für Ideen, für Widersprüche, für die vielen unterschiedlichen Stimmen einer gemeinsamen Generation. Doch am Ende führte alles immer wieder zu demselben Gefühl: wir sehnen uns nach etwas. Und diese Sehnsucht ist kompliziert.
Sie ist der Wunsch, der Schwere der Gegenwart kurz zu entkommen – zwischen Klimasorgen, politischer Erschöpfung und der diffusen Angst vor einer Zukunft ohne klare Konturen. Sie steckt in Playlists voller Bruce-Springsteen-Songs, die unsere Eltern schon gehört haben, und in Secondhand-Designer-Pieces mit Vintage-Patina, die Erinnerungen tragen, die wir selbst nie erlebt haben. Sie ist das paradoxe Wissen, dass uns alles offensteht und sich gleichzeitig nichts sicher anfühlt.
Für uns ist Sehnsucht längst kein romantisches Gefühl mehr, sondern ein Symptom unserer Zeit, womöglich unserer Generation. Und das Beunruhigende daran: Dieses Zurückschauen ist kein harmloser Retro-Trend. Es ist ein Reflex. Einer, der entsteht, wenn sich das Leben und die Zeit zu komplex anfühlen. Wenn Zukunftspläne von Krisen überlagert werden und die Gegenwart sich hauptsächlich digital abspielt, denn dann wirkt das Vergangene plötzlich sicherer.
In dieser HOTLINE-Ausgabe blicken wir deshalb zurück. Nicht, weil früher alles besser war, sondern weil wir im Jetzt etwas vermissen, das wir nicht genau benennen können (Früher war alles besser). Mode wird dabei zum Beweisbild dieser Sehnsucht – und gleichzeitig zu ihrem Fluchtweg.
„Mir kommt es manchmal so vor, als würde unsere Generation entweder in der Vergangenheit oder mental schon in der Zukunft leben, aber nie wirklich im Moment“, sagt Schauspielerin Helena Zengel (Systemsprenger, 2019) im Interview unserer Cover-Story. Und wir fühlen diesen Gedanken.
Die HOTLINE-Redaktion hat sich in dieser Ausgabe besonders ehrlich gemacht. Wir zeigen die Paradoxien unserer Generation: die Angst, im ständigen An-Morgen-Denken das Jetzt zu verpassen. Wir scrollen, vergleichen, optimieren – und sehnen uns gleichzeitig nach Echtheit, Intensität und Bedeutung. Wir nutzen digitale Ironie als Schutzmechanismus (Meme-Demokratie) und balancieren den permanenten Konflikt, alles konsumieren zu können und dabei individuell zu bleiben, und uns nicht in Gleichförmigkeit aufzulösen (Gelernt Schön).
Doch neben unserer Sehnsucht nach der Sicherheit des Vergangenen und Vertrauten sehen wir auch, wie unsere Gesellschaft stellenweise den Rückwärtsgang einlegt. Wie unsere Politik politisch zu veralteten Werten und Weltbildern zurückkehrt – als ließe sich eine Gesellschaft konservieren, die wir längst hinter uns gelassen haben. Dem setzen wir mit diesem Heft bewusst etwas entgegen. Wir schauen also auch nach vorn: auf junge, aufstrebende Talente der Berliner Modeszene (Discovering Berlin Brands) und darauf, wie sich die Branche von morgen aufbaut (Ist das Mode oder kann das weg?). Genau das spiegelt sich auch in unserem Vier-Cover-Konzept wider – einige blicken sehnsüchtig zurück, andere schauen sehnsüchtig in die Zukunft.
Dieses Heft ist eine Sammlung von Blicken, Fragen und Brüchen, eine Momentaufnahme. Von Menschen, die sich öffnen. Von Mode, die nicht nur dekoriert, sondern erzählt. Von Sehnsucht als Antrieb – nicht nach einem besseren Früher oder einem perfekten Morgen, sondern nach einem bewussteren Jetzt.
Wir wünschen euch viel Freude beim Lesen. Beim Zeitreisen zwischen Gestern, Heute und Morgen.
Maxine und eure Hotline Redaktion
