
Wenn die Welt ins Wanken gerät, suchen wir nach Halt und Zuordnung. In Zeiten der Überforderung, wirkt Exzess wie Erlösung und Mode wird zum Spiegel der Sehnsucht. Der chaotische Glanz der 2010er-Jahre ist zurück und birgt vielleicht mehr, als modische Inspiration.
Schillernde Glitzertops funkeln umhüllt von Rauchschwaden in der Nacht, dröhnende Bässe und verschwommene Erinnerungen. Das Blitzlicht alter Digitalkameras oder ausgekramter iPhone 5, enttarnen das längst verschmierte Make-Up einer durchzechten Nacht ebenso sehr wie die vorherrschende Ungehemmtheit. Einfach mal loslassen – frei sein.
Die Partykultur der Nachtschwärmenden gehört in Metropolen wie Berlin schon längst zum Stadtbild. Wohl kein Zufall, dass sich nun auch die Party-Girl-Ästhetik der 2010er-Jahre ihren Weg zurück in den modischen Querschnitt bahnt.
Umgebundene Flanellhemden, Statement-Shirts und skinny Jeans gepaart mit Leder-Stilettos treffen auf USA-Obsession, Felljacken und zerrissene Strumpfhosen. Während ein Großteil der Gesellschaft scheinbar immer noch darauf hofft, die vergangene Dekade im Zyklus der stetig wiederkehrenden Trends zu überspringen, setzen die Coolkids und Angehörigen nischiger Subkulturen schon längst wieder auf Einflüsse der heiligen Tumblr- oder King-Kylie-Ära.
Parallel zur ästhetischen Transformation, formt sich auch im musikalischen Semi-Untergrund ein klarer Hang zu freiheitsliebenden Popsongs unterlegt mit EDM-Beats, die zum Sich-Vergessen einladen und erinnern dabei fast spielerisch an die Radiohits vor zehn Jahren. Was lange Zeit als gern vergessener Popkultur-Trash abgehandelt wurde, kämpft sich nun zurück in das Leben jener junger Menschen, die ihre jugendlichen Stil-Sünden bislang vergraben auf längst vergessenen Tumblr-Profilen hielten. Die wiederauflebende Indie Sleaze Bewegung ist also weitaus mehr als ein seelenloser Mikrotrend, der die Social Media Timeline durchflutet und nährt sich von deutlich mehr Einflüssen, als Indie. Viel eher formt sich aus dem Trend ein gesamtheitlicher Lifestyle, geprägt von Party-Affinität und hedonistischen Nächten. Die teilweise Rückkehr in vergangene Lebensrealitäten schafft Zuflucht – oder gar Flucht in parallele Realitäten?
Seit jeher werden die stilistischen Höhen und Tiefen vergangener Dekaden neuinterpretiert. Alte Trends werden recycelt, Nostalgie-Herzen schlagen höher und Erinnerungen an das längst Vergangene, teilweise selbst nie miterlebte werden geweckt. Aber ist Indie Sleaze wirklich nur ein Zahnrad in der fortwährenden Trend-Spule, die sich bis zum Schlagabtausch der Mikrotrends, zuverlässig an ihre Alle-Zehn-Jahre-Regel gehalten hat?
Es stellt sich die Frage, ob hinter der zunächst oberflächlich wirkenden Partykultur nicht viel mehr als die Maximierung von Glücksgefühlen steckt. Mehr als das ständige Wiederaufleben vergessener Zeiten. Mehr als die Suche nach Freiheit oder dem vorgegaukelten Gefühl, sich für einen Moment – oder doch eine hemmungslose Nacht lang – tatsächlich frei fühlen zu können. Ist die sich zuspitzende Ästhetisierung von Hedonismus also als Gegenbewegung zu aktueller Weltlage und den Unsicherheiten junger Menschen zu verstehen?
Die Flucht in eine Zeit der Naivität, wo das Internet ungeschönter, Instagram-Filter noch offensichtlich und die eigenen Probleme deutlich banaler waren, schafft Komfort. Ständige Selbstoptimierung trifft nun auf die Möglichkeit sich ständig miteinander vergleichen zu können. Aktuelles Weltgeschehen und demographischer Wandel vermitteln das Gefühl von Machtlosigkeit.
Womöglich ist diese neue alte Ästhetik weniger Hommage an die vergangene Jugend, sondern ein geschickt eingesetztes Werkzeug, um das innere Chaos zu kontrollieren, indem man es ästhetisiert. Und vielleicht ist genau das der Kern dieser neuen Form des Eskapismus: nicht die Flucht aus der Realität, sondern der unterbewusste Versuch, sie für einen Moment erträglicher zu machen. Ein letztes Lied, bevor die Sonne wieder aufgeht. Was bleibt, ist die Erinnerung, ein Outfit inspiriert an der Vergangenheit und ein verwackeltes Bild auf dem alten iPhone.
