FLUCHT IN DIE VERGANGENHEIT?

„Zu sagen,
die Gen Z
sei KOLLEKTIV
NOSTALGISCH
ist Quatsch“

INTERVIEW EMILIA SUDROW

Warum schwelgt man eigentlich lieber in der Vergangenheit als an die Gegenwart oder gar die Zukunft zu denken? DR. TOBIAS BECKER, Historiker, Autor und Professor an der FU Berlin, wirft mit uns einen Blick auf die Faszination Nostalgie und erläutert, warum dieses Phänomen Menschen
über Generationen hinweg prägt.

Herr Becker, sie haben zur Geschichte der Nostalgie geforscht. Erklären Sie mal: Was ist überhaupt Nostalgie?

Das ist die Schlüsselfrage, die nicht so einfach zu beantworten ist. Wenn man im Lexikon nachschaut, steht dort: „Sehnsucht nach einer Periode in der Vergangenheit“ oder „Verklärung der Vergangenheit“. Wenn man genauer hinschaut – und genau darum ging es in meinem Buch – sieht man, dass der Begriff meistens noch darüber hinausgeht. Bei Nostalgie schwingt oft der Vorwurf mit, dass jemand die Vergangenheit falsch benutzt oder zu sehr zurückblickt, statt nach vorne.

Wie weit muss denn etwas zurückliegen, damit es für Nostalgie sorgen kann?

Etwas muss zunächst aus der Mode fallen, um dann
wieder in die aktuelle Mode zurückgeholt zu werden. Das können wir für die Populärkultur und Mode ganz gut feststellen, da hat es sich bei ca. 15 Jahren eingependelt. Auch wenn sich sonst alles beschleunigt, hat sich dieser Zyklus bis heute eigentlich kaum verändert.

Wieso sehnen wir uns denn immer mehr nach der Vergangenheit?

Ob wir das wirklich immer mehr tun, würde ich infrage stellen. Seit den 1970er Jahren gibt es regelmäßig neue Nostalgie-Diagnosen, die zeigen: Es ist unwahrscheinlich, dass wir seither immer nostalgischer geworden sind. Im Allgemeinen glaube ich, dass wir zurückblicken, um zu artikulieren, dass
uns in der Gegenwart etwas fehlt. Wir vermissen etwas, das
wir teilweise auch in die Zukunft projizieren.

Kann man Nostalgie also als eine Art Fluchtinstinkt in die Vergangenheit verstehen?

Ja, in Krisenzeiten neigen wir eher dazu, zurückzublicken. Aber die psychologischen Studien zeigen, dass Nostalgie auch viele positive Effekte hat: Sie stärkt Resilienz, indem man sich an bessere Zeiten erinnert.

Besonders in der Generation Z scheint Nostalgie ein starkes Phänomen zu sein. Warum schaut die Gen Z besonders gern zurück, obwohl sie noch so jung ist?

Gesellschaftlich lässt sich das schwer verallgemeinern. Zu sagen, die Gen Z sei kollektiv nostalgisch, das ist Quatsch.

Die Generation Z ist also gar nicht nostalgischer als andere Generationen

Ich sehe dieselben Phänomene, die es schon seit über 50 Jahren gibt. Ich würde sagen, dass solche Retro-Dinge immer da sind. Dann ist die Frage, sehnt man sich wirklich danach zurück und bezieht sich das auf größere Zeitphasen oder eher auf Modetrends. Dass man zum Beispiel plötzlich wieder das Bedürfnis hat, die Brotdose aus Schulzeiten hervorzuholen.
Solche Erinnerungstriggers sind ganz normal, damit stellt sich dieses warme Gefühl der Nostalgie ein. Man erkennt etwas wieder und merkt, dass man älter wird. Ob sich das tatsächlich beschleunigt hat und ob es bei der Gen Z schon früher losgeht als bei anderen, dazu habe ich noch keine Beobachtungen anzubieten.

In unserer Generation, der Gen Z, lässt sich ein Paradox beobachten: Wir sind zukunftsorientiert und der Technik und KI zugewandt, sehnen uns aber gleichzeitig nach Zeiten, in denen es das alles noch nicht gab. Wie lässt sich das erklären?

Diese Beobachtungen widersprechen sich gar nicht so sehr. Wie der französische Soziologe Bruno Latour sagte: Wir nutzen den neuesten Akkubohrer und trotzdem noch den Hammer, der schon Jahrtausende alt ist – beides hat seinen Platz. Vergangenheit und Zukunft liegen Seite an Seite.