GELERNT SCHÖN
TEXT BY JULE DRENKER
Wie viel von dem, was uns gefällt, ist wirklich unser eigener Geschmack? Unsere Autorin fragt sich oft, ob sie ihre Kleidung wirklich schön findet oder ob sie nur gelernt hat, sie schön zu finden.
Wenn ich in meinen Kleiderschrank schaue, sehe ich Trends, die ich trage, die viele tragen. Zwischen diversem Denim, einem Überfluss an Jacken und dieser einen Tasche, die wirklich „alle“ haben – eine Tasche wie ein halbmondförmiger Knautschball – frage ich mich oft: Finde ich das wirklich schön? Oder finde ich es nur schön, weil ich es so oft gesehen habe, dass ich eigentlich gar nicht mehr anders kann als es zu mögen?
Ich erinnere mich, wie ich den Tabi-Schuh von Maison Margiela das erste Mal sah. Meine Reaktion war ehrlich gesagt: irritiert. Ein gespaltenes Zehen-Design, irgendwie animalisch, fast alienhaft. Allerdings war auch hier die Irritation mal wieder nur von sehr kurzer Dauer. Der ständige Anblick tat sein Übriges: zuerst in meinem Instagram-Feed, dann auf Pinterest. Und irgendwann dann auch im echten Leben: an einem Mädchen im Café, kombiniert mit einer butterweichen Wildlederjacke, einem schlichten weißen Tanktop und einer locker sitzenden Denim – dazu der Schuh wie ein Ziegenhuf. Und so allmählich begann auch ich, den Schuh zu mögen – heute trage ich ihn sogar selbst. Nicht, weil sich der Schuh verändert hat, sondern weil sich meine Wahrnehmung verändert hat.
Mode funktioniert selten isoliert; sie lebt von Wiederholung, Kontext und Gewöhnung. Dieses Phänomen nennen Psycholog*innen den Mere-Exposure-Effekt: Je öfter wir etwas sehen, desto positiver bewerten wir es. Wiederholung macht attraktiv – und wir merken es nicht einmal. Es spielt dabei auch kaum eine Rolle, ob es um Gesichter, Musik oder eben Mode geht – Sichtbarkeit wird zu Schönheit, Gewöhnung zu Geschmack. Je häufiger wir also einen Trend in unserem Feed, auf der Straße oder an Freund*innen sehen, desto schöner erscheint er uns. Schönheit ist in diesem Sinne dann weniger ein universelles Empfinden als ein erlerntes. Wir sehen uns quasi so lange hinein, bis aus Fremdheit Faszination wird.
Ein einfaches Beispiel dafür ist, dass wir unser Spiegelbild oft schöner finden, als ein Foto von uns. Das liegt weder an einer vermeintlich schlechten Kamera noch daran, dass man unfotogen ist, sondern schlicht daran, dass man sich häufiger im Spiegel als auf Bildern sieht. Vertrautheit wird zu Sympathie.
Und so wird auch der seltsame Tabi vom Fremdkörper zum Fashion-Heiligtum – und ich? Ich bin mittendrin, Opfer und Komplizin zugleich. So sehr ich mich gegen diesen Gedanken wehre, weiß ich, dass auch ich genauso funktioniere. Ich kaufe nicht nur Kleidung, ich kaufe Akzeptanz, Haltung, manchmal sogar Relevanz gleich mit. Und irgendwo dazwischen frage ich mich: Wann habe ich das letzte Mal etwas getragen, das wirklich ich war? Etwas, das mir gefiel, bevor ich gelernt hatte, dass es mir gefallen sollte?
Es ist bequem, zu glauben, man habe Stil. Dabei hat man vielleicht nur ein gutes Gespür dafür entwickelt, was gerade angesagt ist. Wir nennen es Individualität, aber oft ist es perfekt getarnte Zugehörigkeit. Vielleicht ist es gar nicht möglich, ganz unabhängig zu wählen. Vielleicht ist Stil immer ein Aushandlungsprozess zwischen mir, meinem Umfeld und dem Algorithmus, der mir sagt, was schön ist. So sitzt der Tabi-Schuh an meinem Fuß wie ein stiller Beweis dafür, dass selbst die seltsamste Form, oft gesehen, irgendwann vertraut und schön werden kann.
Ein Schuh, der mich lehrt, dass Schönheit nicht nur in der Form liegt, sondern in der Wiederholung, der Gewöhnung. Und ein bisschen kann uns der Tabi auch etwas über unseren eigenen Blick auf uns selbst lehren: Wer lernen kann, einen Huf-Schuh zu lieben, kann mit genügend Zeit und Gewöhnung auch lernen, wohlwollender auf sich selbst zu schauen.
