GENERATION TECHNO
TEXT & FOTOGRAFIE CALISTA WOLFSPERGER
Als Berliner Urgestein ist es immer wieder ein wahres Fest, Zugezogene in ihrem persönlichen Wandel hautnah mitzuerleben. Angekommen als Kleinstadt-Mauerblümchen zum Raver-Girl in der Berliner Clubszene. Und das in nur wenigen Monaten. Die Transformation ist groß und sichtbar. Aber was steckt dahinter?
„SCHAUSTELLER, BEI DENEN MAN DAS GEFÜHL HAT, SIE WÄREN EHER VERKLEIDET ALS ANGEZOGEN“
Dicke Choker, schnelle Brille und Ledermantel. In der Berliner Techno-Szene spielt die Mode eine wichtige Rolle. Clubgänger*innen tragen oft avantgardistische Outfits, die von der dunklen und futuristischen Ästhetik des Techno inspiriert sind. Natürlich alles schwarzes Leder und Latex mit viel Silberschmuck, manchmal auch Ketten aus dem Baumarkt, und nicht zu vergessen einem fancy Make-Up. Das Ganze bekommt man meistens allerdings erst in Hochglanz zusehen, sobald man im Club ist. Davor stundenlanges Anstehen ohne Gäste- oder Skipliste, während man bibbert. Kommt man rein oder nicht? Liegt es an meinem Style? Habe ich genug Piercings im Gesicht und ausreichend sichtbare Tattoos auf meinem Körper? Sehe ich genug „Berlin“ aus? Wer in Berlin Techno feiern geht, insbesondere in Clubs wie Tresor, RSO oder KitKat, bekommt so einiges zu sehen. Überall halb oder ganz nackte Menschen mit Gaffer Tape um den Körper. Alles ist möglich. Nichts ist alles. Und ist dann alles aber nichts? Alles scheint abgeschaut und nichts ist eigene Kreativität. Mittlerweile kann sich jeder ein schwarzes Tanktop, eine schwarze Hose, schwarze Boots und eine schwarze Sonnenbrille überstreifen und schon würden sie zur großen Masse gehören.
Die Clubgänger*innen, die seit über zehn Jahren zu Techno feiern gehen, bedauern diesen Umschwung. Sie bezeichnen die neue Generation an Techno Liebhaber*innen als „Schausteller, bei denen man das Gefühl hat, sie wären eher verkleidet als angezogen“, so Thorsten, 28, Stammgast im Berghain.
So viele junge Menschen ziehen jährlich nach Berlin, um sich selbst zu verwirklichen. Sie studieren, gehen feiern und erweitern ihren Horizont, oder versuchen es zumindest. Berlin ist super offen, individuell und lässt einen sein Potenzial maximal ausschöpfen … Oder ?!
Der Techno-Style ist so omnipräsent, dass es schwer ist, in einer Stadt wie Berlin eine eigene Stilrichtung oder eine individuelle Persönlichkeit zu entwickeln. „Berlin hat als Stadt auf jeden Fall eine besondere Anziehungskraft auf kreative Menschen aus aller Welt. Und trotzdem sieht doch eigentlich jeder Mensch, der hip und cool sein möchte, im Endeffekt total gleich aus. Ganz nach dem Motto: „Ich gehe jedes Wochenende ins Berghain, das sieht man doch!“, sagt Malina, 24, waschechte Berlinerin und damit eine Minderheit der Feierenden.
Seitdem sich Techno-Musik in den 1990er Jahren etablierte und in Berlin anfing das Stadtbild zu prägen, hat sich einiges verändert. Techno ist heute Lifestyle. Damals war es völlig schnurz, wie man aussah oder was man trug — es ging um das Gefühl der elektronischen Musik, um den Bass, der im Herzen zu spüren ist. Dieses Gefühl von absoluter Freiheit, mit der man in eine Art Trance gerät, in der man einfach verliebt der Musik zuhört. Techno-Fashion ist mittlerweile so weit verbreitet, dass Highend-Labels wie Balenciaga bereits ihren Senf von Paris aus dazugegeben haben. Mit seiner „I Love Techno“-Kollektion bekannte sich Designer Demna Gvasalia zum Techno-Liebhaber. Doch ging es in der Techno-Fashion nicht immer um günstig gethriftete Outfits? Schließlich wird die Techno-Szene oft als Underground-Strömung betrachtet, in der nicht auf Geld geachtet wird. Doch schaut man sich die Preise der Berliner Techno-Brands 44labelgroup oder NAKT an, fallen einem die unfassbar hohen Preise sofort ins Auge. Beißt sich das nicht eigentlich mit der Philosophie von Techno selbst?
Das Label 44labelgroup, gegründet vom Berliner DJ Kobosil, produziert überwiegend schwarze Kleidung im Techno-Stil, mit der einem eingetrichtert werden soll: Wenn du diese (überteuerte) Kleidung kaufst, garantieren wir dir, dass du erstens, Teil der coolen Underground Techno Szene wirst und zweitens, dass du an jeder Tür vorbeikommst. Doch sind diese indirekten Versprechen nicht unfair, wenn es in der Realität ganz anders ausschaut? Wer die heiligen Tore durchqueren darf, entscheidet die Tür nicht unbedingt danach, wer wie viel Schwarz trägt, nackt ist oder viele Ketten um den Körper hängen hat, sondern nach Gefühl, ob der eigene Vibe zu dem des Clubs passt. Auch DjSaunameister, der neben seiner Musik auch im RSO und Berghain arbeitet, berichtet, dass es im Endeffekt nicht auf einen Einzelnen ankommt, sondern auf das entstehende Gesamtbild eines Clubinnenraums. Er entscheidet an der Tür so, als würde er ein großes Gemälde malen, wofür er sich die richtigen Farben aussucht, damit es schön bunt wird.
Eines ist klar: Techno befindet sich an einem Wendepunkt. In dieser Entwicklung, zwischen Lifestyle und dem eigentlichen Spirit, kann man nur darauf hoffen, dass sich die ganze Szene nicht im Kommerz verliert.
Choker: Coexist
Jacke: Vintage
Top: Namilia
Mütze: Kangol
Rock und Gürtel: vom Flohmarkt
Schuhe: Demonia
MODEL LINA KÜRSCHNER
