Give me more…
TikTok’s Fashion Bubble kritisiert die heutigen MODEL-WALKS. Im Vergleich zu den Supermodels der 90er wirken Posen und Gang steif und ausdruckslos wie verändern sich die Bewegungen auf den Laufstegen in der Zeit?

In welcher Ära die Mode gerade steckt, lässt sich nicht nur an der Kleidung ablesen, sondern auch daran, wie die Models sich in ihr bewegen. So wie das Supermodel Shalom Harlow bei der Yves Saint Laurent Herbst/Winter 1991 Show. Harlow trug einen pinken hüftlangen Blazer mit Herzausschnitt und schwarzen knielangen Bleistiftrock. Ihr Gang war besonders: stark zurückgelehnter Oberkörper, fließender Hüftschwung, schwingende Arme und ein provokanter Blick, als ziehe ein unsichtbarer Faden eine Ecke ihrer Oberlippe empor. Ein Lauf, wie eine Visitenkarte und ein Relikt der damaligen Zeit.
Die Frage ist: Wie entwickeln sich die Trends beim Posieren und Laufen? Wodurch sind sie geprägt und was sagen sie über die Branche aus?
Die 90er-Jahre war die Ära der „Supermodels“, Cindy Crawford, Naomi Campbell, Claudia Schiffer und Linda Evangelista, sie alle erlangten eine beispiellose Berühmtheit, sie wurden zu Popstars, weit über die Branche hinaus. Sie traten in Werbekampagnen, in Talkshows und Musikvideos auf und wurden zum Sinnbild von neuer Schönheit und zu Stilikonen. Immer ging es darum, möglichst aus der Masse hervorzustechen. Auch auf dem Laufsteg: Jedes Model besaß ihren eigenen speziellen und einzigartigen Gang, für diesen waren sie bekannt und beliebt, vor allem bei den Designer*innen. Sie machten die Shows zu einer aufregenden Bühnenshow, einem Spektakel.Heute prägt eine auffällige Gleichförmigkeit viele Laufstege. Die Models bewegen sich mit präziser, fast mechanischer Haltungaufrecht, kontrolliert, emotionslos. Ihre Gesichter bleiben starr, der Blick leer, als hätte jede Spur von Persönlichkeit dort keinen Platz. Der Walk, einst Ausdruck von Charakter und Stil, wirkt heute oft wie einstudiert und leblos.

Ein Beispiel bot die Präsentation der Zimmermann „Spring 2026 Ready-to-Wear-Kollektion“ im Oktober 2025. Die australische Modemarke, bekannt für ihre verspielten, femininen Designs, zeigt farbenfrohe Kleider mit floralen Mus- tern, fließenden Stoffen und lebendiger Leichtigkeit. Mode, die Spaß machen soll, könnte man meinen. Doch die Models, die die Kollektion präsentierten, schienen in einem auffälligen Kontrast zu der Mode selbst zu stehen. Ihre Körperhaltung war steif, ihre Mimik unbewegt, kein Lächeln, kein Funkeln in den Augen. Statt Freude oder Leichtigkeit zu transportieren, schienen sie in sich erstarrt, als würde die Kleidung an ihnen vorbeifließen, ohne sie wirklich zu berühren.

Dieser Widerspruch zwischen bunter, lebensfroher Mode und der fast apathischen Darbietung verdeutlicht eine zentrale Entwicklung vieler heutiger Laufsteginszenierungen. Ein Lächeln ist selten geworden, die Blicke eher leer, fast so, als wäre der Laufsteg ein Ort, an dem Gefühle keinen Platz haben. So als sei das Persönliche rigoros aus den Gesichtsausdrücken verbannt. Models werden zunehmend zu reinen Trägerfiguren, zu Projektionsflächen, die keine eigene Geschichte erzählen dürfen. Ihre Aufgabe besteht darin, die Entwürfe der Designer möglichst neutral zu präsentieren ohne Emotionen, ohne Haltung und ohne Persönlichkeit.Was da auf den Laufstegen passiert, ist ein scharfer Gegenentwurf zur überpersönlichen Darstellung von Mode
in den sozialen Medien, wo jede*r Influencer*in bei einem Fit-Check mindestens schon mal einen Einblick in ihr persönliches Badezimmer gegeben hat, vielleicht sogar schon vor der Kamera geweint hat und womöglich sogar die Gesichter der eigenen Kinder zumindest aber ihre Hauskatze entblößt hat. Der Kontrast zu dieser Über-Nahbarkeit ist die glatte und unnahbare Darstellung von Mode auf den gegenwärtigen Laufstegen. Eine Distanz, die viele Zuschauer*innen kaum noch kennen. Daher wirkt diese Darstellung so irritierend vor allem auf TikTok-User*innen. Kritiker*innen empfinden diese Ent- wicklung auf den Laufstegen als Verlust von Charakter und Emotionen. „Alles verliert an Magie…“, kommentiert ein Tik- Tok-User unter einem Runway-Video. Eine andere schreibt: „Models stolzieren nur noch wie Roboter oder Puppen über den Laufsteg.“

Der Walk, einst Ausdruck von Charakter und Stil, wirkt heute oft wie einstudiert und leblos.
Vielleicht ist es eine neue Art, Aufmerksamkeit für die Mode zu erzeugen. Und ganz sicher spiegelt diese Reduktion auf eine menschliche Kleiderpuppe den Wunsch nach Perfektion und Minimalismus wider, die billigend in Kauf nimmt, das Besondere und Individuelle verblassen zu lassen. Doch inmitten all der Fahlheit zeigte sich während der Chanel Show Spring 2026 ein erstes, leises Zeichen für den Beginn einer neuen Ära. Awar Odhiang, das Model, das die Show schloss, brach die Regeln. Sie drehte sich einmal um die eigene Achse, klatschte in die Hände und trug etwas über den Laufsteg, das man in letzter Zeit kaum noch gesehen hatte: pure Freude.
Auf die Frage, was sie zu diesem außergewöhnlichen Auftritt ermutigt habe, erzählte Odhiang in einem Interview mit The Business of Fashion, dass Matthieu Blazy ihr kurz vor ihrem Auftritt in die Augen gesehen und gesagt habe: „Awar, das ist dein Moment. Ich möchte, dass du genau das tust, was sich in diesem Augenblick richtig für dich anfühlt. Zeig deine Emotionen, sei du selbst.“ Vielleicht brechen sie bald wieder an die Jahre der Emotionen auf den Laufstegen.

Text & Illustrationen
von Amelie Houdek
