HARAMWITHSUGAR
Text – Lila Aurora Damaschun | Fotografie – Lila Aurora Damaschun & Lina Kürschner
Sie nimmt Sneaker auseinander und macht daraus bemerkenswerte Fashion. All Amin, die Gründerin und Designerin des unabhängigen Berliner Labels Haram, entwirft daraus Korsetts, Taschen und weitere Pieces wie Schmuck und Schals. Sie wurde bereits in großen Magazinen, wie in der Vogue, Cosmopolitan und Dazed gefeatured. Außerdem designte sie für Rapperin Haiyti Kostüme für ihr Musikvideo „Bevor es endet“ und hat auf der Berliner Fashionweek im Sommer 2023 im Berliner Salon ausgestellt. Auf Instagram teilt sie als @haramwithsugar ihre Kreationen mit knapp 30.0000 Follower*innen. Wir sprachen mit ihr über ihren Erfolg, ihren Werdegang und ihr Handwerk.




Lila: Du möchtest mit Deinem Label Haram Upcycling in der Modeindustrie forcieren. Konntest Du durch deine eigene Arbeit eine Auswirkung in der Branche beobachten?
All: Ich glaube einfach, dass man Upcycling von einer Nische in den Mainstream pushen kann. Man sollte zeigen: ‚Jo, es kann auch fresh aussehen!’ Upcycling muss nicht öko ausschauen. Viele Leute sehen Designs von mir, machen das nach und schreiben dazu: ‚Inspiration von Haramwithsugar.’ Das freut mich total, irgend- wie cute. It’s exciting what’s to come.
Lila: Du upcyclest Sneaker, warum sind aus- gerechnet Nike TNs dein Grundmaterial?
All: Nike war schon immer meine Nummer eins unter den Sneakerherstellern, einfach von der Silhouette, vom Design. Der TN ist mein Favorit. Damit kann man schon ein bisschen herumspielen. Ich habe angefangen Hybridschuhe zu machen. So ist die Idee entstanden, einen Sneaker neu zu entwerfen. Es gibt einige 3-D- Künstler*innen, die in Richtung Schuh- design gehen. Da habe ich mich hineingearbeitet und überlegt, wie ich das am besten selbst umsetzen kann. Ich wollte einfach aus meinen Sneakern, die ich über Jahre gesammelt habe, Mehrwert und Langelebigkeit erschaffen, und natürlich, dass ich coole und passende Accessoires zu meinen Sneakern habe.
Lila: Was sagt Nike dazu?
All: Ich muss jetzt aufs Markenrecht schauen. Ich habe mir einen Rechtsschutz geholt und rede mit Nike offen und ehrlich. Ich möchte schwarz auf weiß wissen: Wie sieht das für mich aus?
Lila: Hast Du eine Lieblingstasche oder Stück in Deiner Kollektion?
All: Ich liebe auf jeden Fall die weiße Weste, die ich heute anhatte. Die war sehr aufwendig vom Design her. Meine Lieblingstasche ist mein allererster Prototyp, das war ein Auftrag von Highsnobiety und Puma. Als der Slipstream von Puma neu herauskam, sollte ich ein kleines Artpiece daraus machen.
Lila: Wo kriegst du die Sneaker her?
All: Über Kleinanzeigen, Vinted, Spenden bekomme ich auch. Ich habe eine fette schwarze Mülltüte voll mit Sneakern von einem Dude.
Lila: Wie gehst Du vor, wenn Du den Schuh in eine Tasche verwandelst
All: Ich gehe nicht mit einem festgefahrenen Konzept an meine Arbeit heran. Ich habe Modedesign studiert und abgebrochen. Für mich waren die Vorgaben zu strikt: Du hast eine Woche Zeit eine Recherche zu betreiben, und dann musst du eine Kollektion von Null an aufbauen. Die Leute an der Uni sollten mehr in Richtung grün denken und aus bereits Existierendem neue Sachen kreieren. Für mich war das damals alles zu festgefahren, darauf hatte ich keinen Bock mehr. Ich liebe es, mich in die Arbeit hinein zu fühlen. Ich denke nicht flach in Schnitten, sondern drapiere lieber. Ich wollte schon ewig Taschen aus Schuhen machen. Ich nehme die Teile auseinander und komponiere sie neu.
Lila: So ein Schuh ist ja nicht das dünnste Material, wie nähst du das?
All: Das meiste mit der Hand. Da muss ich richtig Kraft einsetzen. Das ist keine leichte Arbeit.
Alleine die Sohle vom Obermaterial zu lösen, ist Pain. Ein halbes Jahr lang hat mir mein Exfreund geholfen. Er hat die Dinger auseinander geschnitten und meinte: ‚Bruder, das hast Du die ganze Zeit alleine gemacht?’ Ich komm halt von der Baustelle. Das eine ergänzt das andere gut. Das Handwerk habe ich nicht abgelegt. Da hinten hängt auch meine Säge.
Lila: Wie lange brauchst du für die Taschen?
All: Eine Tasche braucht aktuell zwei Tage. Und das ist nur die Produktion. Ich muss die Materialien einkaufen, saubermachen und am Ende versandbereit losschicken. Ich mache alles alleine. Ich bin Haram. Du musst dir vorstellen: Social Media, Content Creation, Pro- duction und dann muss ich auch noch für all meine Kunden erreichbar sein. Das ist komplett gestört.
Lila: Hast du Mode in Berlin studiert?
All: Ich habe Modedesign in fucking – sorry – Reutlingen studiert. An der Hochschule Reutlingen habe ich fünf Semester studiert.
Lila: Bist Du in Reutlingen aufgewachsen?
All: Nein nein ich bin eigentlich aus Nürnberg.
Lila: Im sechsten Semester hast Du dann abgebrochen?
All: Ich hatte keinen Bock mehr. Ich habe ein Pausense- mester gemacht. Ich dachte: ‚scheiß drauf!’ Corona kam, dann war die Uni sowieso online, und ich habe einfach mit Haram weitergemacht. Ich will langfristig für niemanden anderes arbeiten.Ich will einfach mal gucken, was ich selber auf die Beine stellen kann.

Lila: Und jetzt hast Du High Heels für das Musikvideo von Nicki Minaj entworfen?
All: Das Vorbild war noch nicht mal ein Paar, sondern nur ein Schuh. Der Absatz ist eine Tattoopistole. Für den Stylisten habe ich sie nochmal gemacht.
Lila: Die Pistole funktioniert noch?
All: Jaja, safe Habibi. Ich habe damit wirklich den Arsch von meinem Exfreund tätowiert. Jetzt hat er einen Nike Swoosh auf seiner linken Arschbacke.
Lila: Du verkaufst ja auch sehr viel Schmuck bei Haram. Wie bist Du darauf gekommen?
All: Ich habe einen Prototypen gemacht und bin damit zu meiner Mutter gegangen. Sie ist handwerklich sehr begabt. Ich habe sie ge- fragt: ‚Mom, hättest du Lust, davon eine ganze Kollektion zu machen?’ Meine Ketten und Ohrringe sind aus Nelken. Das kommt aus der kurdischen Tradition. Die älteren Damen damals hatten kein Parfüm und haben sich stattdessen Nelken- ketten umgelegt, um danach zu riechen. Man muss meinen Schmuck hin und wieder mal einsprühen, damit er nicht vertrocknet, aber dann duftet er wieder. Das ist einfach ein Herzensprojekt mit meiner Mami. Ich wollte, dass sie sich komplett kreativ ausdrücken kann.
Lila: Du verkaufst auch ein Poster in A2, auf dem du in verrenkter Körperhaltung mit Taschen posierst. Wie ist das entstanden?
All: Das war eine Collab zwischen meiner kurdischen Schwester Berfin und mir. Ich hatte ein Shooting, bei dem ich Stripperheels trage und habe darauf mehre- re Taschen drapiert. Dann meinte sie zu mir: ‚Mach mal etwas Akrobatisches.’ Ursprünglich wollte ich da meine neue TN Kollektion droppen. Dann ist der Krieg in Rojava ausgebrochen und wir haben 100 Prozent der Einnahmen vom Poster an die Organisation Heyva gespendet. Und ich bin ehrlich: Prints sind geil.
Lila: Seit wann verkaufst Du den Hello-Kitty-Haram Schal?
All: Ich habe den Schal gemeinsam mit einem Freund und Designer, Viktor Bretschneider, 2020 herausgebracht. Haram Kitty war so ein schönes Wortspiel. Auf der anderen Seite steht ‚Fuck 2020’, da hat ja die Pandemie begonnen, da ging es bergab.
Lila: Er ist ausverkauft, kommt er wieder?
All: Marketing ist so eine Sache bei mir. Ich mache alles nach Lust und Laune. Ich arbeite nicht mit Influencer*innen.
Ich schicke wirklich nur Künstler*innen was zu, die mich inspirieren und die ich feiere. Es ist mir eine Ehre, wenn man etwas von mir trägt. Kennt ihr @diehuepsche? Ihr schick ich auch was.
Lila: Wie bist Du darauf gekommen, deine Brand Haram zu nennen?
All: Haramwithsugar war, als ich noch jünger war, meine eigene Reise. Ich wollte mich, sei es kul- turell oder religiös, von gewissen Konstrukten trennen. Vor allem als Frau in der Gesellschaft: Pass auf, wie du dich zu kleiden hast, zeig nicht zu viel Haut. Ich wollte mich einfach davon lösen. So ist Haramwithsugar entstanden. Ich bin der Zucker, der dem ganzen die Süße gibt. Und ich dachte mir Haram ist irgendwie naheliegend. ‚You look so Haram.’ Immer provokant, ein bisschen aneckend.
Lila: Wie international ist Haram zur Zeit aufgestellt?
All: Es ist voll krass, überall auf der Welt kaufen Leute meine Sa- chen, außer jetzt viel- leicht im Ostblock. Zum Beispiel ist eine brasi- lianische Pop-Künstlerin ein Fan meiner Sachen und die hat Millionen Fans in Südamerika. Und in Korea öffnet sich gerade der Markt für mich. Ich wurde im November in der Printausgabe der „Dazed Korea” gefeatured. Die haben einfach über mich geschrieben. Haram wird global!
Lila: Wie bist Du darauf gekommen, deine Brand Haram zu nennen?
All: Haramwithsugar war, als ich noch jünger war, meine eigene Reise. Ich wollte mich, sei es kul- turell oder religiös, von gewissen Konstrukten trennen. Vor allem als Frau in der Gesellschaft: Pass auf, wie du dich zu kleiden hast, zeig nicht zu viel Haut. Ich wollte mich einfach davon lösen. So ist Haramwithsugar entstanden. Ich bin der Zucker, der dem ganzen die Süße gibt. Und ich dachte mir Haram ist irgendwie naheliegend. ‚You look so Haram.’ Immer provokant, ein bisschen aneckend.
Lila: Wie international ist Haram zur Zeit aufgestellt?
All: Es ist voll krass, überall auf der Welt kaufen Leute meine Sa- chen, außer jetzt viel- leicht im Ostblock. Zum Beispiel ist eine brasi- lianische Pop-Künstlerin ein Fan meiner Sachen und die hat Millionen Fans in Südamerika. Und in Korea öffnet sich gerade der Markt für mich. Ich wurde im November in der Printausgabe der „Dazed Korea” gefeatured. Die haben einfach über mich geschrieben. Haram wird global!
