Ist das Mode oder kann das weg?
Fünf Designer*innen, die Mode neu denken und die Grenze zur Kunst verschwimmen lassen.
Text von Maxine Schall

Wenn ein Alexander-McQueen-Kleid die verstörende Wirkung eines Bacon-Gemäldes hat oder Margielas diesjährige Artisanal Kollektion den surrealistischen Schleier von Magrittes Liebenden über zeitgenössische Avantgarde senkt, verschwimmen Mode und Kunst. Entwürfe wie diese machen deutlich, dass Mode Gefühle und gesellschaftliche Themen genauso vermitteln kann wie ein Gemälde oder eine Skulptur. Jede Naht, Drapierung und Materialwahl ist Teil eines kreativen Prozesses, in dem Idee, Form und Inszenierung zusammenkommen.
So kann Mode jenseits von Funktion und Alltag in den Raum der Kunst treten – ohne ihre Tragbarkeit zu verlieren. Eine neue Generation von Designer*innen hinterfragt, was Kleidung sein kann, arbeitet an den Rändern von Disziplinen und erweitert den Diskurs über Mode als Kunst. Sie nähen, formen und performen an den Schnittstellen zwischen Körper und Konzept, entziehen sich der Frage nach Funktion und eröffnen eine neue Wertschätzung für Kunst und Handwerk: Es ist ihre Offenheit, die Mode endgültig auf eine künstlerische Bühne stellt.
Info: Der Berliner Salon stellt, während der Berlin Fashion Week junge und kreative Designer*innen in einen musealen Kontext und schafft einen Dialog zwischen moderner Mode und traditioneller Kunst.
„Ich will, dass man das Handwerk spürt“ – Alan Hamliko über haptische Ästhetik, Skulpturen aus Silber und den Wert des Unperfekten
Sein Skizzenbuch gleicht einem eigenen Kunstwerk ganz für sich. Alan Hamliko gestaltet Schmuck und Objekte, die irgendwo zwischen Design, Handwerk und Kunst pendeln. In seinen Arbeiten verschmelzen haptische Präzision, skulpturale Formen und Imperfektion zu einzigartigen, tragbaren und sammelbaren Kunstobjekten. Foto: Klara Kopeckova

„Wenn ich an meinen Objekten arbeite, fühle ich mich wie ein Künstler, weil ich skulptural und abstrakt arbeite. Oft lasse ich mich ganz von meiner Intuition leiten. Meine Arbeit als Designer kommt erst später, wenn ich die Objekte fotografiere und visuell präsentiere. Das spiegelt auch meinen persönlichen Werdegang wider: Ich begann als Künstler auf einem Kunst-Gymnasium und wurde später durch mein Studium in Kommunikationsdesign beides. Während des Studiums habe ich mein Handwerk sehr vermisst. Durch die digitale Arbeit wurde mein Verlangen, wieder mit den Händen zu arbeiten, immer stärker. Haptik bleibt deshalb das Leitmotiv meiner Arbeiten. Es geht um den „slow process“ meiner Objekte: Ich möchte Stücke schaffen, bei denen man beim Tragen spürt, wie sie entstanden sind. Ich lasse bewusst kleine Dellen, Löcher und Kanten, um zu zeigen, dass jedes Objekt per Hand gefertigt wurde – nicht in einer Fabrik. Natürlich möchte ich am Ende ein perfektes Stück herstellen, aber das Unperfekte und das Handwerkliche sind Teil meiner Handschrift.
Inspiration finde ich aktuell viel in der Literatur; gerade lese ich ein Buch über Ringe vom Mittelalter bis zur Moderne. Für mich beginnt dann alles mit einer Skizze – ich skizziere eigentlich immer und überall. Wenn ich bereit bin, etwas Neues zu erschaffen, hole ich mein Skizzenbuch heraus und lasse meine Entwürfe lebendig werden. Ich fertige nicht nur Accessoires, sondern auch „Collectables“. Besonders durch ein Praktikum bei einer Food-Designerin wuchs meine Leidenschaft für Tisch-Objekte: Messer müssen dabei nicht mehr nur funktional sein, sondern besondere visuelle Momente schaffen und trotzdem nutzbar bleiben.
Meine Stücke sind wie Kunstwerke immer Unikate. Auch wenn ich Ring-Serien produziere, gieße ich keine Negativform erneut – so habe ich das Gefühl, dass ich bei jedem Prozess etwas Neues schöpfe. Kunst ist ein zentraler Bestandteil meines Lebens, und ich bin stolz, dass ich bei den letzten Berliner Salons ausstellen durfte. Dort wurden meine Objekte in dem beeindruckenden, historischen Kontext der Gemäldegalerie präsentiert, zentriert in einem riesigen Raum. Das war atemberaubend für mich. Diese Verbindung zwischen Mode und Kunst ist für mich sehr besonders. Mode ist für mich Kunst, solange sie nicht industriell und schnelllebig produziert wird. Besonders skulpturale Kunst inspiriert meine Arbeit. Als Designer sehe ich es als meine Aufgabe, Wertschätzung für solche künstlerischen Ansätze in die Welt zu tragen.“

Wir Schuster wollten nicht bei unseren Leisten bleiben: Fork and Knife über das Auflösen von kreativer Kategorisierung
Sophia Sühwold und Paula Dischinger verschieben als Fork and Knife Grenzen zwischen Mode, Kunst und Performance. Ihre Arbeiten entstehen aus einem Zusammenspiel von Körper, Raum und Bewegung. Mit einer Ausbildung in Modedesign unter anderem am Institut Français de la Mode in Paris lassen sie ihre eigenen modischen Kreationen heute selbst sprechen. Ihre Arbeit ist kollektiv, intuitiv und prozesshaft: Jede Performance ist einzigartig, jede Aktion ein Manifest für gemeinschaftliches Erleben und den offenen Austausch zwischen Künstlerinnen und Betrachter*innen.

„Und plötzlich standen diese riesigen Stelzenläufer zwischen den kleinen Menschen. Eine Mischung aus Irritation und Faszination – genau das, was wir wollten: Dass die Menschen aufschauen. Die Performance heißt Kopf Hoch. Wir wollten, dass die Zuschauer ihren Blickwinkel ändern, die menschliche Größe neu überdenken und aus dem Alltag gerissen werden. Wir inszenieren an der Schnittstelle von Performance, Perspektive und Kleidung.
Doch es geht nicht nur um Mode, sondern darum, echte Momente, Gemeinschaft und Reibung einzufangen. Wiederkehrende Motive unserer Arbeit sind die Farbe Rot, das Spannungsfeld zwischen Individuum und Gemeinschaft sowie die Verbindung von Hand und Kopf. Unsere Performances finden meist im öffentlichen Raum statt, weil dieser ambivalent ist – man kann ihn nicht vollständig kuratieren, wer Betrachter*in wird, bleibt unbestimmt. Jede Begegnung ist wichtig, denn unsere Kunst soll für alle offen sein.
Wir beobachten beide viel, und aus diesen stillen Studien entstehen viele unserer Ideen, oft ortsspezifisch, aber häufig spontan. Im Washington Square Park in New York entdeckten wir ein Podest in einem leeren Brunnen. Wir fragten uns sofort: Was könnte hier entstehen? Sophia wurde in rotes Garn gewickelt und stand regungslos auf der Empore – eine lebendige Statur auf Zeit. Der Körper wird dabei zum Zentrum, aber nicht zur Zierde, sondern als Frage: Wer bekommt Raum und darf erinnert werden? Eine Kritik an Denkmälern toxischer Männlichkeit, deren Erinnerungen weder positiv noch zeitgemäß sind.
Für uns ist Kleidung kein bloßes Hüllenstück, sondern Ausgangspunkt eines Übergangs, in dem Mensch und Körper Start- und Endpunkt jeder Inszenierung sind. Mit jeder Performance wurde deutlicher: Kleidung ist extrem faszinierend, aber oft steht das Stillleben im Fokus. Von da an war Bewegung für uns kein Nebeneffekt mehr, sondern eher gestalterischer Fokus. Sie ist auch unsere Antwort auf die Modewelt, die oft das Individuum glorifiziert, dem wir gerne das Bild der Gemeinschaft entgegensetzen. Performance-Kunst ist für uns ein Kommunikationsmittel, mit größerer Hebelwirkung als konventionelle Mode. Während gleichzeitig unsere selbst entworfenen Kreationen – von übergroßen kubischen Kostümen bis zu menschlichen Attrappen – essenziell für die Bedeutung unserer Projekte sind.
Obwohl wir beide aus dem Modedesign kommen, lehnen wir klare Kategorisierungen ab und lassen Mode, Kunst und Performance bewusst ineinanderfließen. Uns wurde oft gesagt, man müsse aufpassen, wenn man sich zwischen Mode und Kunst bewegt – ganz à la ‚Schuster, bleib bei deinen Leisten‘ Aber das war uns egal.“
Im Dialog mit Material, Körper und ihm selbst: Lennart Bohle über seine künstlerisch-skulpturale Mode
Lennart Bohle ist staatlich geprüfter Maßschneider und absolvierte seinen Bachelor an der Fakultät für Gestaltung in Pforzheim. Ein Praktikum bei den Couturiers Viktor & Rolf festigte seine Leidenschaft für extravagantes Design. Bohles Entwürfe hinterfragen traditionelle Silhouetten, verwandeln Textilien in tragbare Skulpturen und schaffen einen spannenden Dialog zwischen Material, Körper und gesellschaftlichen Strömungen. Foto: René Lohse

„Mein Leitmotiv verbindet klassisches Handwerk, die Arbeit an der Silhouette und skulpturales Gestalten. Mein Auslandssemester in Taiwan hat meine Herangehensweise an Mode stark geprägt. In Asien wird häufig der Raum um den Körper untersucht – nicht Kleidung, die den Körper bedeckt, sondern Formen, die weit von der menschlichen Silhouette agieren. Viel Stoff wird drapiert, gebunden und so am Körper platziert, dass er seine Struktur behält. Ich liebe diese Idee, mit einem Material zu arbeiten und zu entdecken, wie es am Körper wirkt, ohne zerstört zu werden. Für mich ist diese Art von Couture eine echte Kunstform, und ich durfte bereits zum dritten Mal am Berliner Salon teilnehmen.
In der Gemäldegalerie standen meine Entwürfe neben drei sehr religiösen Werken – farblich und in ihrer stillen Ausdruckskraft in perfekter Harmonie. Das ehrfürchtige Gefühl der Bilder spiegelt sich in meiner Kollektion in einer eigenen, symbiotischen Formsprache wider. Deshalb wurden drei statt zwei meiner Designs ausgestellt, da die Verbindung zur Heiligen Dreifaltigkeit die perfekte Bühne dafür bot.
Ein zentraler Aspekt meiner Arbeit ist auch das digitale Gestalten – weniger die Technologie selbst, als vielmehr die Ästhetik. Wir stehen an einem gesellschaftlichen Scheidepunkt in Bezug auf Digitalisierung und den Verlust von Kulturgut. Meine Kollektion will darauf aufmerksam machen und das textile Kunsthandwerk durch digitale Ästhetik neu beleben. Der 3D-Drucker war eine Hauptinspiration: Präzise, fehlerfrei, eine Maschine aus Einsen und Nullen – im Gegensatz zu uns Menschen, die emotional und unperfekt sind. Ich habe versucht, diesen Prozess zu rekonstruieren, habe mich selbst als „Drucker“ verstanden und gleichzeitig auf eines der ältesten Kunsthandwerke zurückgegriffen: das Verzieren von Kanten mit Postamenten, Kordeln oder Fransen.
Während des Designprozesses habe ich die klassische Machtposition des Designers beiseitegelassen und das Material „sprechen“ lassen – ich habe beobachtet, wohin die Kordeln wollen, oder eben nicht. Der Körper ist für mich essenziell: Erst durch den Menschen entsteht die Form, die im Material gespeichert wird. Es geht weniger um Funktion, sondern um Emotion. Besonders durch diesen Entstehungsprozess und die Allgemeinheit von Mode – dass Textil Gefühle theatralisch vermitteln kann – sehe ich Mode als eine Form von Kunst. So wie Künstler*innen Emotionen beim Betrachter ihrer Bilder wecken wollen, möchte ich auch, dass sich Träger*innen empowered, elegant und in ihrer eigenen Welt fühlen können.“
„Meine Innovation ist nicht innovativ zu sein“ – Marie-Luise Müller zwischen Tradition, Handwerkskunst und Wiederbelebung
Marie-Louise Müller verstrickt klassische Handwerkskunst und alte Objekte oder Textilien zu surrealen, tragbaren Skulpturen. Ihre Kollektionen entstehen bewusst langsam: Jedes Stück ist das Ergebnis hunderter Stunden hingabevoller Handarbeit, in der Silberbesteck zum Gürtel, Wolle zum Hummer und eine Spitzendecke zum lebendigen Unikat wird. Foto: Tanja Tremel
„Meine Innovation liegt weniger in neuen Techniken, sondern darin, alte Handwerkskunst neu zu interpretieren und in zeitgenössisches Design zu übersetzen. Ich blicke zurück, um die Zukunft zu gestalten und habe sehr holistische Gedanken, was den Wert und die Daseinsberechtigung alter Textilien und Objekte in aktueller Mode betrifft. Viele traditionelle Textiltechniken geraten durch unsere Schnelllebigkeit in Vergessenheit, und mit meinen Designs möchte ich diesen kulturellen Verlust aufzeigen und die Wertschätzung für künstlerische Mode fördern. Slow Fashion ist bei mir nicht nur ein Konzept, sondern ein Leitmotiv. Wenn ich weiß, ich habe 500 Stunden in etwas gesteckt, dann fühlt es sich richtig an und ich liebe genau diesen Prozess.
Aufgewachsen bin ich im selben Haus wie meine Großmutter und habe fast alles von ihr gelernt. Diese Nähe spiegelt sich in meiner Arbeit wider: Bei meiner Bachelor-Kollektion war jedes Stück von einem Familienmitglied inspiriert. Gemeinsam mit meiner Großmutter entwickelte ich zum Beispiel eine Blume, die den Charakter meiner Urgroßmutter widerspiegelt, die eine Leidenschaft für Häkeln und Lochstickerei hatte. Leider sind Techniken wie Häkeln, Stricken oder Perlenstickerei heute fast verloren gegangen.
Oft weiß ich zu Beginn gar nicht genau, was entstehen wird. Meine Kollektion Table Tales entstand aus einer Sammlung alter Tischdecken, Spitzendecken und Silberbesteck meiner Großmütter oder von Flohmärkten. Ich sammle zunächst Dinge, die mir gefallen, bevor eine konkrete Designidee entsteht. Irgendwann entdecke ich die Verbindung – in diesem Fall alles rund um Tische und Essen. Meine Designs sollen zwar surreal wirken, aber gleichzeitig tragbar sein. Wie das Hummer-Kleid, eines meiner aufwendigsten Stücke, weil die Proportionen eines Hummers zunächst auf einen Menschen übertragen werden müssen. Jetzt erfüllt das Kleid gewisse modische Funktionen, bedeckt den Körper und passt, ist aber dennoch beim genauen Betrachten etwas unglaublich Abstraktes.
Ich sehe mich als Retterin alter Textilien, die ich zu neuem Leben erwecke. Früher wurde viel Zeit und Mühe in scheinbar banale Dinge wie Tischdecken investiert. Für mich liegt die Faszination in der Kunst des Entstehungsprozesses. Mode ist für mich vor allem dadurch Kunst. Sie muss sich das also durch Zeit und Handarbeit verdienen.“

