Mitten im Herzen Berlins, in einem kleinen Laden voller Farben und Geschichten, begegnet man der Welt auf eine ganz besondere Weise. Katharina Koppenwallner hat mit International Wardrobe einen Ort geschaffen, der Traditionen bewahrt und gleichzeitig modern interpretiert.

BY CHLOÉ MORLON

Vor dem kleinen Laden in der Almstadtstraße bleiben Passanten stehen, fasziniert von der farbenfrohen Vielfalt. Als ich den Laden betrete, erfasst mich die Fülle von Farben und Details. Fein bestickte, weiße Blusen hängen neben Keramiktellern mit einzigartigen Mustern. Eine große Weltkarte, an der kleine Fähnchen viele Länder markieren, weckt meine Neugier. Ich frage mich, welche Geschichte all diese Stücke miteinander verbinden. Bald schon werde ich es erfahren. Denn um mehr über diesen besonderen Ort zu erfahren, treffe ich die Inhaberin Katharina Koppenwallner und tauche mit ihr in die Welt von International Wardrobe ein.

Wie bist du auf die Idee für den Laden gekommen?

Ich wollte eine echte rumänische Bluse kaufen, doch authentische Stücke fand ich nirgends – nur Nachahmungen in Modeketten wie Zara. Als Kunsthistorikerin und ehemalige Stylistin fasziniert mich Folklore, und so kam mir die Idee, einen Ort zu schaffen, an dem man traditionelle Kleidung in moderner Umgebung kaufen kann. Ich reiste nach Rumänien, da ich von einem Dorf nahe Cluj gelesen hatte, wo ältere Frauen handgefertigte Textilien verkaufen. Überrascht merkte ich, dass ich in einem ungarischen Dorf gelandet war. Ich dachte also fälschlicherweise, dass die gekauften Trachten typisch rumänisch wären. So begann das Ganze. Anfangs konzentrierte ich mich auf Trachten aus Regionen, in denen Traditionen noch lebendig sind und Teil des Alltags bleiben. Doch solche Gegenden sind selten, oft tragen nur ältere Menschen diese Kleidung. Mit der Zeit erweiterte ich das Sortiment: Neben Trachten verkaufe ich nun auch Textilien für den Wohnbereich und Keramik, die bei Kunden besonders beliebt sind.

Wie würdest du deinen Kundenkreis hier in Berlin beschreiben?

Jemand hat das mal so zusammengefasst: Künstler, Designer und alte Frauen. Das stimmt, aber es kommen auch viele junge Leute. Mein breites Sortiment zieht ganz unterschiedliche Menschen an. Die meisten kommen wegen der Heimtextilien, vor allem Kissen und Teppiche.

Hast du einen Eindruck davon, wie deine Kunden die Kleidung in Ihren Alltag integrieren?

Ich verkaufe nie komplette Trachten. Man übernimmt nicht die Identität einer anderen Person, sondern integriert das Stück individuell. Viele kombinieren die Einzelstücke auf moderne Weise. Manche kaufen ungarische Plisseeröcke fürs Oktoberfest, was ich nachvollziehen kann.

Katharina Koppenwallner trägt eine Schürze aus Oaxaca, Mexiko.

Wie stellst du sicher, dass die Menschen, von denen du Kleidung beziehst, fair entlohnt werden?

Ich verhandle nur bei antiken Stücken auf Märkten. Handwerker bestimmen ihre Preise selbst, genauso wie die Frauen, die Wollteppiche knüpfen. Auch die Töpfereien haben feste Preise, die unabhängig von der Menge gelten. Mir ist wichtig, dass sie gerne mit mir zusammenarbeiten und ihre Mühe angemessen honoriert wird. Ich kenne die Menschen, mit denen ich arbeite, oft persönlich und sehe, wie sie ihre Produkte herstellen. Auch bei lokalen Kooperativen achte ich darauf, dass die Bezahlung den Aufwand widerspiegelt und langfristige Partnerschaften entstehen.

Wie vermittelst du die Geschichten und Traditionen hinter der Kleidung, wenn du sie an ein westliches Publikum verkaufst?

Anfangs habe ich alles in langen Texten erklärt, jetzt nutze ich Infozettel und ergänze diese mit einem Lexikon auf meiner Website. Auch auf Instagram teile ich regelmäßig Informationen zu meinen Produkten und Workshops. Mir ist es wichtig, dass die Menschen verstehen, was sie kaufen. Das gehört zum Konzept des Ladens und verleiht dem Produkt mehr Tiefe im Vergleich zu anonym designten Objekten.

Welches Kleidungsstück deines Ladens gefällt dir am meisten?

Mein Lieblingsstück sind die indischen Kurtas, die man als Kleid tragen kann, wenn man sie an den Seiten zunäht. Ich liebe auch Kleider aus Doti-Stoff, einem feinen indischen Baumwollstoff, den ich nach dem Vorbild ägyptischer Sujelabas schneidern lasse. Sie sind leicht, elegant und ideal für eine entspannte Umgebung – ein perfektes Zusammenspiel kultureller Einflüsse.

Was ist der wichtigste Unterschied zwischen der Art und Weise, wie Kleidung in verschiedenen Kulturen genutzt wird?

In Asien, besonders in Indien und Südostasien, geht es weniger um Schnitte und fertige Kleidung. Ein Sari ist ein fünf Meter langes Tuch, das gewickelt wird, ähnlich wie der Lungi in Bangladesch. Auch in Thailand und Laos gibt es vergleichbare Traditionen. Der entscheidende Unterschied ist der Umgang mit Stoffen: In vielen asiatischen Kulturen werden sie gewickelt, statt zu einem Schnitt verarbeitet. Bei uns gibt es immer einen klaren Schnitt: Eine Bluse, ein Rock, alles ist genau zugeschnitten.

Gibt es auch moderne Interpretationen dieser Kleidungsstücke?

Tradition wird immer modernisiert, sie ist nie statisch. In Indien hat sich der Sari im Laufe der Jahre stark verändert. Ein Beispiel ist die Hochzeit eines indischen Multimillionärs, die mehrere Wochen dauerte und auf allen Instagram-Kanälen zu sehen war. Die Gäste trugen Kleidung, die auf traditionellen indischen Elementen basierte, aber nichts mehr mit dem klassischen Sari zu tun hatte. Mit Blusen, die Schnitt hatten, und Röcken, die mit Edelsteinen verziert waren. Das passiert weltweit. Kleidung verändert sich ständig, Röcke werden schmaler, neue Materialien und Farben kommen dazu. Anhand des Stils und der Materialien kann man oft erkennen, ob etwas aus den 1980ern oder 1990ern stammt.

Welches war dein liebstes Reiseziel? Und gibt es ein Land, das auf deiner Wunschliste steht?

Zentralasien ist eine meiner liebsten Regionen, besonders Usbekistan und Tadschikistan. Die einzigartige Mischung aus asiatischen und europäischen Einflüssen, kombiniert mit dem sowjetischen Erbe, fasziniert mich jedes Mal aufs Neue. Landschaft, Kultur und Menschen bilden hier ein unvergleichliches Zusammenspiel. Aber auch Guatemala, Mexiko und Rumänien begeistern mich mit ihrem jeweils ganz eigenen Charme. Auf meiner Wunschliste steht Indonesien, vor allem wegen seiner bedeutenden Textilgeschichte und der Ikat-Stoffe. In Afrika möchte ich unbedingt Ghana und Äthiopien erkunden. Auch Japan und der Iran sind Länder, die mich reizen.

Welche Herausforderungen begegnen dir auf deinen Reisen?

Ich habe gelernt, im Umgang mit den Menschen zu verhandeln und zu verstehen, was ich auf meinen Reisen aushalten muss. Ich erinnere mich, wie ich einmal meinen damaligen Mitarbeiter mit nach Guatemala nahm. Für ihn war das Wohlstandsgefälle dort schwer zu begreifen. Die Menschen sind ärmer, aber wenn ich bei ihnen kaufe, muss ich mit dieser Realität umgehen. Ich kann das Ungleichgewicht nicht beheben, aber ich kann sagen: ‚Ich sehe deine Arbeit und unterstütze dich, indem ich deine Produkte kaufe.‘ Es erfordert eine Haltung, mit diesem Gefälle zu arbeiten.

Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen der Arbeit als Stylistin und der Entdeckung traditioneller Kleidung?

Ich weiß, was passt. Wenn ich ein Kleidungsstück finde, sehe ich sofort, ob es funktioniert oder nicht. Beim Einkaufen bin ich fokussiert und treffe schnell Entscheidungen. Das habe ich als Stylistin gelernt. Du musst rasch eine Vielzahl an Optionen sichten und Entscheidungen treffen, ohne dich zu verlieren. Heute profitiere ich davon, besonders beim Einkaufen. Es geht weniger um aktuelle Schnitte, sondern mehr um ein Gespür dafür, was gut sitzt und was umgenäht werden könnte.

Kritiker könnten argumentieren, dass das Tragen dieser Kleidung in einem modischen Kontext die tiefere Bedeutung verwässert.

Es geht darum, den Ursprung der Kleidung zu erklären und den Kontext zu respektieren. In Peru habe ich gelernt, dass ein einzelnes traditionelles Kleidungsstück oft als Anerkennung wahrgenommen wird, während mehrere Teile schnell wie Aneignung wirken können. Der Unterschied mag subtil erscheinen, hat aber großen Einfluss darauf, wie die Geste wahrgenommen wird. Wenn man versteht, woher etwas kommt, kann man bewusster damit umgehen und es wertschätzen. Ich bin kein Fan der Diskussion um kulturelle Aneignung, weil Kultur sich immer im Austausch entwickelt. Natürlich kann sich jeder in Kleidung aus anderen Kulturen kleiden, solange der Ursprung nicht verschwiegen wird. Es geht nicht um Verbote, sondern darum, dass die Geschichte hinter der Kleidung nicht verloren geht. Das Problem ist, wenn große Marken wie Zara Blusen aus Peru verkaufen, ohne zu sagen, woher sie kommen. Das macht die Geschichte unsichtbar und reduziert die Kleidung auf ein modisches Stück. Für mich sollte kulturelle Identität gewahrt bleiben, aber auch im Austausch und Wertschätzung wachsen. Ich glaube, das Thema wird weniger dramatisch diskutiert, weil wir begreifen, dass Kultur nicht in starren Grenzen steckt. Wenn wir so denken würden, dürften wir irgendwann nur noch Erbsensuppe essen. Kultur lebt durch Begegnungen, Austausch und die Freiheit, sich mit anderen Traditionen zu verbinden.

Porzellan aus Granada, Spanien
Geschnitzte Kerzen aus der Ukraine

Ich finde, du bietest Tradition eher eine Plattform, als dass du sie dir aneignest. Aber bist du deswegen schon kritisiert worden?

Leider zu wenig. Ich finde es wichtig, darüber zu sprechen, weil viele Ansichten in diesem Zusammenhang aus meiner Sicht sehr kulturfeindlich sind. Ich verstehe, dass es darum geht, etwas zu schützen. Aber ich sehe auch, dass dabei oft viel kaputt gemacht wird. Wir müssen einfach lernen, anders damit umzugehen. Die Frage, wem Tradition gehört, ist definitiv spannend. Mir fällt auf, dass die Mode in den letzten Jahren immer weniger folkloristische Elemente umfasst, weil die Leute das Gefühl haben, es gehöre nicht zu ihnen. Das spüre ich als eine Art Strömung. Deshalb liegt mein Fokus nicht auf Mode oder Kleidung, sondern auf Textilien. Denn bei Textilien wird nie hinterfragt, ob es sich um kulturelle Aneignung handelt. Das zeigt, wie widersprüchlich diese Diskussionen oft sind.