Wie der Westen den Maximalismus kolonisiert – und ihn dann als Trend verkauft.

Zu sagen, dass Maximalism zurück ist, ist wie zu behaupten, ein riesiger Teil der Welt hätte aufgehört zu existieren.

Es ist faszinierend, wie die Fashion-Industrie ohne Schuldgefühle alle paar Jahrzehnte verkündet: „Die Farbe ist zurück.“ Als ob sie jemals weg gewesen wäre. Als ob Farbe überhaupt ins Exil gehen könnte. Eigentlich jedoch steckt dahinter: Nur dann, wenn der Westen sie segnet, ist Farbe wieder akzeptabel.

Was wie eine harmlose Trendprognose klingt, lässt eigentlich viel tiefer blicken und zwar in die Machtstrukturen unserer Gesellschaft: In unserer Welt, wird das Gute, das Wertvolle, das Elegante von der Gruppe definiert, die die Macht besitzt – der globale Norden.

Der schottische Künstler und Autor David Batchelor schrieb schon vor über zwanzig Jahren in seinem Buch Chromophobia: Die westliche Kultur habe Angst vor Farbe. Sie verbinde sie mit dem Weiblichen, dem Kindlichen, dem Vulgären, dem Exotische. Sie stelle sie der Vernunft, der Reinheit, der Neutralität gegenüber. Die Geschichte der westlichen Kunst und des westlichen Designs ist voll von dieser Angst. Farbe war immer, was andere machten; das Fremde.

Es ist unbestreitbar – und fast absurd –, dass bis vor Kurzem das Auffällige, das Üppige, das Gesättigte als schlechter Geschmack galt. Und trotzdem: Als Fendi seine Spring/Summer 2026-Kollektion zeigte – mit Barbie-pinken Bomberjacken, voluminösen Ledercoats, floralen Transparenzen, türkisem Satin und einer elektrischen Palette von Coral bis Turquoise, von Bubblegum bis Deep Red –, nannte die Kritik sie „visionär“. Innovativ. Göttlich.

Aber was ist mit den indigenen Communities in Lateinamerika, wo bunte Fäden Geschichten weben, lange bevor die Kolonisierung begann? Was ist mit den afrikanischen Tribes, mit ihren Farben, Turbanen und Pigmenten – dieser visuellen Sprache, die der Modernismus nie lesen wollte? Was ist mit Indien, wo Farbe kein Trend ist, sondern tägliche Spiritualität? Sie waren nie nicht da. Nur waren sie kein Teil der Masse, weil eine Bewegung erst dann existiert, wenn Europa sie benennt.

Sätze wie „Maximalismus ist zurück“ sind nicht nur falsch – sie sind zutiefst kolonial.

Maximalismus war nie weg. Nur jetzt wird er vom weißen Blick validiert. Der Architekt Le Corbusier nannte in seinem Buch „The Decorative Art of Today (1925)“ Farbe „eine Korruption“, etwas Vulgäres, das aus modernen Räumen entfernt werden müsse. Weiß, Grau, Beige – das waren die Farbtöne der Vernunft. Alles andere war laut, viel zu laut.

So wurde Chromophobia – die intensive und irrationale Angst vor Farben – zu einem Kulturcode: Das Schlichte als Zeichen von Intellekt; das Bunte als Symbol von Übertreibung. Neutralität als Eleganz; Farbe als Sünde.

Und ich denke an den politischen Philosophen Frantz Fanon. An diesen Satz, der nachhallt: „The Negro is not. Any more than a white man.“ Ich kann ihn hören, im Hintergrund eines Raumes, in dem der „neue“ multikulturelle Wende des Designs gefeiert wird, während Farbe – wieder einmal – zum Objekt der Begierde wird. Nicht wegen dem, was sie ist, sondern wegen dem, wer sie genehmigt.

Vielleicht ist Chromophobia nicht verschwunden. Vielleicht hat sie nur gelernt, sich als trend zu verkleiden.

Und das Problem ist nicht, dass Farbe allen gehört, nur nicht dem Westen. Das Problem ist die Usichtbarmachung ihrer früheren Existenz, denn Farbe war schon da. Das Exzessive, die Textur, die Mischung – all das, was gerade mal wieder als avant-garde gefeiert wird –, kommt aus den Körpern und Kulturen, die der Westen nicht sehen wollte.

Und jetzt, wo Farbe über die Runways getragen wird und der Maximalismus wieder im Trend ist, erwähnt niemand, woher diese Energy, diese Freude, diese Fähigkeit kommt, das Leben in farbenfrohe Ornamente zu verwandeln.

Farbe ist nicht zurückgekehrt.

Der Westen hat nur gerade mal wieder bemerkt, dass sie existiert.

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