MARIA GABRIELA SANTOS

INTERVIEW LUIS SCHÖLL

„Ich habe Angst vor Cancel Culture 

aber nicht davor, ich selbst zu sein“

Seit fünf Jahren baut sich die 27-jährige MARIA GABRIELA SANTOS in Berlin eine öffentliche Stimme auf – und zahlt dafür einen Preis.
Mit uns spricht die Social-Media-Creatorin offen über Slut-Shaming, Queerness und darüber, wie sich ihr Selbstbild in einer Branche entwickelt, die ständig zuschaut.

Maria, du bist in den Sozialen Medien sehr prä- sent. Wie bewusst merkst du diese Aufmerk- samkeit auch in deinem Leben außerhalb der Plattformen?

Maria Gabriela Santos: Klar stehe ich mittlerweile in
der Öffentlichkeit. Vor allem hier in Berlin, weil es eben die Bubble ist, in der jeder jeden kennt. Aber sobald ich außer- halb von Berlin unterwegs bin, würde ich nicht sagen, dass ich mich irgendwie beobachtet fühle oder das Gefühl habe, dass man mich erkennt.

Seit über fünf Jahren machst du hauptberuflich Social Me- dia. Fällt es dir immer leicht, so öffentlich zu sein?

Ich teile bewusst nur bedingt Dinge aus meinem pri- vaten Leben oder wer ich wirklich bin. Wegen der Cancel Culture habe ich tatsächlich ein bisschen Angst, alles Private preiszugeben. Nicht, dass ich irgendwas zu verbergen hätte oder irgendwas mache, was kontrovers ist, weshalb ich Angst davor haben müsste, gecancelt zu werden. Trotzdem ist die Angst da.

Du teilst schon viele Dinge, was hältst du zurück?

Eher Alltägliches. Ich habe das Gefühl, dass es die Leute gar nicht unbedingt interessieren würde, welchen Toast ich jetzt esse und wie viele. Aber ich nehme meine Follower trotzdem durch meinen Tag mit.

Woher kommt deine Angst, gecancelt zu werden?

Man sieht ja immer wieder bei anderen Creator*innen im Internet, wie sie für alles Mögliche Hass abbekommen. Kri- tik ist zwar wichtig, um wachsen zu können. Aber in manchen Fällen sollten die Kritiker*innen einfach mal ein bisschen chil- len. Oft steigern sich Menschen in etwas hinein und vergessen dabei, dass hinter der scheinbar fiktiven Person im Internet ein echter Mensch steckt – mit echten Gefühlen.

Gibt es bestimmte Vorurteile, mit denen du konfrontiert wirst?

Dass ich nichts leiste. Oder dass ich arrogant und falsch bin. Eben weil ich, wenn man mich das allererste Mal trifft, meistens trotzdem sehr herzlich und bubbly bin. Aber das ist gar nicht aufgesetzt. So bin ich einfach. Es ist nicht so, als kriege ich ständig Hass ab. Aber wenn er dann kommt, dann trifft es mich auch richtig.

Du wurdest für die Clara Colette Miramon Show (SS26) eingekleidet und hast für dein Outfit viel Hass von Män- nern bekommen – im realen Leben auf der Straße. Wie hast du dich in diesem Moment gefühlt?

Ich habe mich total unwohl gefühlt, weil ich in dieser sehr kurzen Hose durch Berlin gelaufen bin. Das war eigent- lich nicht so geplant. Normalerweise würde ich in so einem Outfit ein Uber nehmen, um zum Event zu fahren. Da bin ich dann in einer geschlossenen Gesellschaft, wo niemand so ein Outfit auffällig findet. Aber außerhalb dieser Bubble ist es für manche Menschen seltsam, so ein Outfit zu sehen. Ich wurde gecatcalled, und jemand hat einfach Fotos von mir gemacht. Da habe ich mich unwohl gefühlt, weil ich wusste, man sieht so viel von meinem Körper.

Was ging dir da durch den Kopf ?

Ich wollte einfach nur weg. Das war nicht die richtige Zielgruppe für so ein „Diva-Outfit”!

Wie gehst du mit solchen Übergriffen um?

Ich bin voll der krasse Overthinker, zerdenke Dinge bis ins Detail. Dann rede ich mit meinem Umfeld darüber, spreche meine Ängste aus und meine Freund*innen beruhigen mich dann meistens. Am nächsten Tag ist dann auch alles wieder gut.

Hast du das Gefühl, als weibliche Creatorin anders bewer- tet zu werden als männliche?

Auf jeden Fall. Sexismus ist immer noch überall. Ich zeige mich ja auch gerne sexy oder ein bisschen freizügiger. Da ist für mich leider keine Überraschung mehr, dass es dann solche Reaktionen gibt.

Der „Elevator Boy“ Jacob Rott hat gerade bei der Vogue- World-Premiere nur eine Unterhose getragen. Er wurde daraufhin gebeten, eine Hose anzuziehen – und die Situa- tion war erledigt. In den sozialen Medien folgte dann eine Welle an Kommentaren, die seinen ursprünglichen Look verteidigten und es als übergriffig kritisierten, dass er sich umziehen musste. Wäre eine Frau an seiner Stelle gewe- sen, hätte es stattdessen wahrscheinlich einen riesigen Aufschrei wegen des Outfits gegeben.

Ja genau, klar!

Du gehst online sehr offen mit deiner Sexualität um. Wie ist es dazu gekommen?

Ich hatte kein direktes Outing à la „Ich muss euch was

sagen, ich bin queer.“ Ich habe so eine Art Soft-Launch ge- macht, indem ich ein TikTok veröffentlicht habe und dazu geschrieben habe: „I don’t know, aber letztes Jahr habe ich noch wegen eines Typen geheult und dieses Jahr stehe ich auf Frauen. I hope this helps.“ Das ging komplett viral. Ich bekam dann ganz viel Zuspruch aus der queeren Community. Ich habe damit überhaupt nicht gerechnet – und ich denke, das war mein Coming-out.

Gab es dann einen Shift in deiner Community?

Auf jeden Fall waren dann weniger Männer in meinen Direktnachrichten. Was prinzipiell ein Win-win ist. Und es ist schön, von mehr Frauen wahrgenommen zu werden – Women For The Win!

Wie beeinflusst dich deine Sexualität heute in dem, was du teilst?

Ich habe das Gefühl, dass ich mehr ich selbst geworden bin, seit ich festgestellt und akzeptiert habe, dass ich queer bin. Ich bin viel mehr ich selbst in der Art und Weise, wie ich mich kleide, in dem Content, den ich teile, wie ich mich ver- halte. Für mich ist das eine große Sache.

Warum war dieser Prozess für dich wichtig?

Ich bin in einem sehr liebevollen Elternhaus aufgewach- sen, aber es war auch ein bisschen konservativ geprägt. Ich hatte keine LGBTQAI+ Personen in meinem Umfeld, deshalb hatte ich lange keinen Bezug zum Queersein. Und dann, ein paar Jahre später, damit konfrontiert zu werden und festzu- stellen: Okay, die Welt, in der ich gelebt habe, ist vielleicht
gar nicht so, wie ich dachte. Für mich ist es eine Riesensache, mich damit auseinanderzusetzen und jetzt auch öffentlich
zu teilen, wen ich liebe und was ich mache. Genau deswegen mache ich auch so gerne Content darüber.

Was würdest du anderen raten, die in einer ähnlichen Situation sind?

Ich finde irgendwie, dass so ein Coming-out total be- scheuert ist. Es läuft ja auch keiner rum und sagt: „Ich bin hetero.“ Würde mein Kind zu mir sagen: „Mama, ich bin gay, bi, pan oder trans.“ Dann würde ich sagen: „Good for you, honey. Schön, dass du dich gefunden hast.“ Ich meine damit: Normalisiert es! Wenn du jemandem desselben Geschlechts daten möchtest, dann date einfach jemanden desselben Ge- schlechts. Mach einfach, was dich glücklich macht. Versuch dich auszuprobieren. Wenn du Bock hast, als Typ was mit Typen zu haben oder was auszuprobieren, dann mach das! Und wenn dich Menschen dafür verurteilen, dann sind es die falschen Leute in deinem Leben. Umgib dich mit Menschen, die dir guttun und die dich nehmen, wie du bist! 

PHOTOGRAPHY NIC SCHOPPET, TALENT MARIA GABRIELA SANTOS, MODEL EDZARD AT IZAIO, CREATIVE DIRECTION + STYLING LUIS SCHÖLL HAIR & MAKEUP LUCAS OSTER UND PAULA JUNG