Memes sind die Karikaturen unserer Zeit – nur demokratischer,
schneller und manchmal gefährlicher. Doch wie gefährlich wird es,
wenn die Grenze zwischen Humor und Manipulation verschwimmt?













Memes und Politik passen so herrlich zusammen wie Toast und Toaster, wie Meinung und Megafon – das Eine erhitzt das Andere. Seit Jahrhunderten, genau genommen bereits seit der Antike, schaffen Menschen Karikaturen. Die vermutlich ersten stammen von den Ägyptern des 13. Jahrhunderts v. Christus. Auf Papyrusrollen wurden Mäuse als Aristokraten und Katzen als Soldaten dargestellt – eine humorvolle Verdrehung der Kraftverhältnisse und gleichzeitige subtile Kritik. Karikaturen haben sich über Epochen hinweg verändert, aber ihr Zweck blieb gleich: den Mächtigen einen Spiegel vorhalten.
Lange jedoch war dieses Spiegeln ein Privileg. Karikaturen wurden von
ausgebildeten Künstlerinnen oder Journalistinnen geschaffen – Menschen mit Zugang zu Druckereien, Redaktionen und Öffentlichkeit.
Memes hingegen sind die demokratische Verlängerung dieser Karikaturen mitten in die Gesellschaft hinein. Der Zugang zum Erstellen von Memes ist universell. Man muss keine Journalist*innen, Künstler*innen oder Verleger*innen sein – nicht einmal zeichnen muss man können, man braucht nur ein Smartphone. Politische Memes können von jedem kommen. Nur etwas Humor kann für die Erstellung von Memes nicht schaden. Wo die klassische Karikatur noch von oben auf die Gesellschaft herabblickte, kommt das politische Meme von unten, direkt aus dem Volk.
Und während die klassische Karikatur im Feuilleton erschien und als Reaktion darauf höchstens ein Leser*innenbrief blieb, spielt sich der Diskurs über ihren digitalen Nachfolger heute in Kommentarspalten ab – ein Raum für unmittelbare Reaktionen und Austausch. Jeder darf deuten, widersprechen, lachen, sich empören – Öffentlichkeit in Reinform, nur eben digital. Menschen werden sichtbar, indem sie sich in Rede und Gegenrede zeigen – selbst dann, wenn ihre Gesichter hinter Profilbildern verschwinden.
Wenn also die Kommentarspalte der neue Marktplatz ist, dann sind Politikerinnen längst Teil dieser Meme-Ökonomie geworden – freiwillig oder nicht. Manche werden darin sogar zu Marktnarren. Es ist eine Sache, zum Meme zu werden – wie es bei den prominenten Beispielen rund um Ricarda Lang (Bündnis 90/Die Grünen), Olaf Scholz (SPD) oder Friedrich Merz (CDU) passiert; aber eine andere, wenn Politiker*innen versuchen, sich Memes selbst zunutze zu machen, um Wähler*innen zu gewinnen. Wir sehen es mittlerweile zur Genüge: Politikerinnen, die hoffen, zur Kultperson zu werden, während sie tatsächlich zur Memeperson werden.
Präsent sind hier vor allem Teile der Bundestags-Christen – ob der Leberkäs‘-liebende Markus Söder (CSU) oder der Achtzigjährige im Körper eines Zweiunddreißigjährigen (auch wenn dieser Witz längst ausgelutscht ist) Philipp Amthor (CDU). Ebenso der Bundestagsabgeordnete der AfD Andreas Mayer, der mit „EsDeeKid“- und „Fakemink“-Liedern auf peinliche Art versucht, junge Wähler zu gewinnen.
Und doch, auch wenn viele dieser Versuche gerne belächelt werden, gibt es ebenso Fälle, in denen Politikerinnen durch gezielte Selbst „Vermemung“ erfolgreich ihre Beliebtheit ausbauten.
Gregor Gysi (Die Linke) – zum Beispiel. Während des Wahlkampfs wurde er auf den eigenen Parteikanälen gerne mal mit dem Spitznamen „die Silberlocke“ geschmückt und bei steifen, aber dennoch hüftschwunglastigen Tanzeinheiten gefilmt. Dass Tanzen längst Teil politischer Inszenierung ist, hat spätestens der US-amerikanische
Präsident Donald Trump gezeigt: Seine unbeholfenen Bewegungen wurden selbst zum Meme und damit zum Sympathieträger des sonstigen Unsympathen. Auch die Resonanz auf die „Vermemung“ Gysis war überwiegend positiv. Denn zumindest hatte die Linke bei der letzten Bundestagswahl eine kleine Sensation hingelegt – mit
einem Stimmzuwachs, der sicher auch ihrem erfolgreichen Marketing und einer teils „memetischen“ Inszenierung zu verdanken war.
Doch politische Memes haben auch ernstzunehmende, weitreichende
Schattenseiten. Gerade die äußeren politischen Ränder versuchen sich durch Memes in die Mitte zu kämpfen. Denn Memes eignen sich hervorragend, um Begriffe umzudeuten, Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen und die Grenzen des Sagbaren zu verschieben. Wie gefährlich wirkungsvoll dieses Prinzip sein kann, zeigt eine Studie aus Österreich: In zwei Online-Experimenten konnten die Forschenden nachweisen, dass politische Memes deutlich stärker auf Wahrnehmung, Emotion und Weiterleitungsabsicht wirken als dieselben Botschaften in reiner Textform. Das Bild übernimmt das Denken und wir verbreiten es, noch bevor wir es hinterfragen.
Wie tiefgreifend und folgenreich diese Dynamik werden kann, zeigt eine Studie der City University of Hongkong – regelmäßige Nutzer*innen politischer Memes neigen demnach stärker zu polarisierendem Denken und geringerer Toleranz gegenüber Andersdenkenden. Was als Witz beginnt, kann sich so in ein Werkzeug der Spaltung verwandeln und zum Mittel extremistischer Gruppen werden, um subtil Einfluss zu nehmen. Wenn dies passiert, ist die Rede von „memetischer Kriegsführung“. Memes können im politischen Kontext also tückisch sein. Sie tarnen Ideologie als
Witz. Niemand muss sich rechtfertigen, niemand steht zu seinem Wort.„War doch nur Ironie.“ „War doch nur ein Meme.“ Ironie ist die freundlichste Tarnkappe, die es gibt.
Aber Memes können eben auch das Gegenteil: ein positives Sprachrohr sein, um Kritik an der Politik zu üben. Humor kann entlarven, wo Argumente versagen.












