
Punk?
Nein, Diskomaus
Nicht einmal als ihm sein Ex-Freund eine Friseurkette in Frankfurt am Main kaufen wollte, überzeugte Frank Schäfer das, seine Heimatstadt Berlin zu verlassen. Besonders wohl fühlt er sich im Prenzlauer Berg, wo er wohnt und mit seiner Kollegin den Friseursalon „Frank & Amanda“ betreibt. Dort treffe ich ihn.
Kapitel 1
“In einem Land, dass es nicht mehr gibt“
Ich könnte Wochen in seinem Salon verbringen und würde trotzdem immer wieder etwas Neues entdecken. Die Wände sind gänzlich mit Reliquien aus Franks Leben bedeckt. Sein Laden ist ein Spiegelbild seiner Person: bunt, verrückt, einzigartig, und mittendrin seine Hündin Goldie.
Sein selbstbewusstes Erscheinungsbild hat mich zu Beginn wirklich eingeschüchtert, aber ich glaube, ich habe noch nie so eine offene und herzliche Person getroffen.
Frank bewegte sich auf Fashionshows neben Legenden wie Jean Paul Gaultier und Karl Lagerfeld, schminkte sogar für Chanel. Ein Lebensweg, den er nie bewusst angestrebt hat, denn die große Karriere war nie sein Ziel. Er legt sehr viel Wert auf sein Privatleben:
„Mit meinem Charakter hätte ich wahrscheinlich gar nichts gemacht, außer zu Hause zu lesen.”
Meine Neugierde auf die faszinierende Persönlichkeit Frank Schäfer wurde durch den Kinofilm „In einem Land, das es nicht mehr gibt” entfacht, meine erste Berührung mit seiner damaligen Welt. Der Film erhielt nicht nur den Deutschen Filmpreis 2023, auch von Frank Schäfer gibt es einen Daumen nach oben. Jeder, der die Modeszene der DDR besser begreifen möchte, sollte den Film anschauen.
„Die staatlichen Modenschauen der DDR waren auf einem viel höheren Niveau als in Westdeutschland, die waren auf Vogue-Level.”
Man darf allerdings nicht vergessen, dass es ein Spielfilm ist, in dem nicht
alles der Wahrheit entspricht. Wahr ist aber, dass Regisseurin Aelrun Goette und Frank Schäfer in den 1980ern befreundet waren.
„Vielleicht habe ich ihr die ersten Schritte beigebracht, aber das ist mir nicht bewusst gewesen.”
Er scheint sie jedoch so beeindruckt zu haben, dass Rudi die einzige Figur im Film ist, die sehr nah an eine wahre Person der damaligen Szene angelehnt ist – nämlich Frank Schäfer.
Hinter der Szene, in der Rudi in einem Brautkleid tanzt, steckt in Wahrheit ein viel größeres Ereignis! Frank schminkte jedes Jahr die Models für den Modefilm der DDR. Im Sommer 1987 sollte im Schloss Moritzburg bei Leipzig mit einer Tänzerin gedreht werden, die ein Rokoko-Kostüm trägt, welches sie sich vom Leib reißt – darunter trug sie dann moderne Frauenkleidung. Die Tänzerin sagte kurz vor dem Striptease ab.
„Ich sagte dann frecherweise zu Klaus Ehrlich, dem Regisseur: ‚soll ich das nicht machen?’ Da sagte er: ‚Na biste denn wahnsinnig?’.”
Es gab bis dato nämlich keinen Striptease im Fernsehen der DDR, vor allem nicht von einem Mann, der offen zu seiner Homosexualität stand. Doch die Vorbereitungen liefen schon auf Hochtouren: Komparsen waren gebucht, die Kutschpferde standen bereit.
Da die Tänzerin schmaler als Frank war, musste das Kleid umgenäht werden, wodurch es nach seinem Auftritt kaputt war – er hatte also nur die eine Chance sich zu
beweisen. Das gelang ihm bravourös. Als er mir das Video von dem Film zeigte, haben mich seine Schauspielkunst und die pure Lebensfreude schlichtweg umgehauen.
„Ich bin auch immer noch ein sehr lebensfreudiger Mensch.”
Und das, obwohl er in der DDR nicht selten verhaftet worden ist.
„Ich bin auch einmal von der Polizei vergewaltigt worden. Ich habe aber auch gemerkt, dass verhaftet werden damals sehr schick war, man war cool dadurch. Ich war nicht so eine Heulsuse wie der Rudi im Film.”
“Vom Modefilm bis zum längsten Laufsteg der Welt“
Kapitel 2
Ich möchte mehr darüber wissen, wie Frank Schäfer zur Stilikone der DDR avancierte. Das DDR-Fernsehen stellte immer fünf aufstrebende Talente ein, die den Weg als Maskenbildner einschlagen wollten. Der vermeintlich Schwächste bekam den Modefilm, denn zu jener Zeit schminkten sich die Mannequins (die Models der DDR) stets selbst. Es gab keine Visagisten.
„Ich war der Schlechteste. Die fanden mich aber alle ganz niedlich: jung, schwul, stotternd. Eines Abends sagten sie ‚Mensch Frank, schmink du doch mal’.”
Das war damals ganz neu. Sofort meldeten sich die “Sibylle” (Zeitschrift für Mode und Kultur der DDR) und das Modeinstitut bei Frank. Plötzlich war er der schärfste Visagist der DDR, aber auch der Einzige.
„Ich glaube, ich war gar nicht so scharf, sondern konnte bloß ein Gefühl von Jugend vermitteln.”
So lernte Frank den Fotografen und späteren Türsteher des Berghains, Sven
Marquardt, kennen, der ihn das erste Mal zu einer Underground-Modenschau der Gruppe Chic, Charmant, Dauerhaft (CCD) mitnahm. Frank fing an bei CCD zu toupieren. Als eines Tages kurz vor der Schau ein Mädchen ausfiel, sprang Frank ein und rockte das Kleid auf dem Laufsteg. Den jungen Freigeistern ging es darum, aus dem Schatten der Eltern zu treten und um Selbstdarstellung.

„Wir konnten alle nähen, die Mädchen haben wirklich tolle Sachen geschaffen. Jeder hat eine Skizze gemacht und dazu eine kleine Geschichte erzählt. Diese Geschichten und Bilder wurden dann zusammengestellt und Musik dazu gemischt. Das machte dieses warme Gefühl aus.”
Mit der Zeit stand Frank bei CCD verstärkt im Mittelpunkt. Das brachte natürlich Neid mit sich.
„Ich stand immer eher alleine. Ich hatte in der Zeit auch den schönsten Mann von Berlin als Freund.”
Um 1986 rum war die Zeit von CCD vorbei. Viele gingen in den Westen, Frank versuchte es in anderen Modetruppen. Dort fand er aber nicht mehr, was ihm wichtig war:
„Die Idee gegen etwas, unkonventionell und nicht schön zu sein. Das ist das Glück in einer Diktatur, man möchte da zwar nicht leben, aber es macht Spaß etwas dagegen zu schaffen. In jungen Jahren ist es wichtig, dass man alte Werte wegstößt.”
Natürlich gab es in der DDR Leute, die sehr konform waren.
1987 bildete sich ohne Franks Wissen aus „CCD” die Modetruppe „Allerleirauh” heraus. Als er sich dort als Visagist bewarb, wurde er nur unter der Bedingung angenommen, dass er bei keiner Show auftreten und auf keinem Bild drauf sein sollte. Das war Frank ganz gleich, da er damals schon wusste, dass er im Juni 88 in den Westen gehen würde. Dort sollte er für den bekannten ostdeutschen Dramatiker Heiner Müller in München am Theater schminken.
„Allerleirauh war für mich eine letzte Übung vorm Westen. Ich dachte, die Modeszene dort ist groß und hart und bin voller Aufregung rübergegangen. Ich war ja auch schon 29, nicht mehr 22.”
„Das Wichtigste war, anders zu sein als die anderen, egal ob hässlich oder schön“
In Westberlin war die Modeszene dann anders als gedacht und vor allem sehr klein. Das wichtigste Supermodel, Alexandra, arbeitete an der Kasse vom Metropol am Nollendorfplatz, so kam Frank mit ihr ins Gespräch. Eins führte zum anderen und auf einmal schminkte der Junge aus dem Osten fürs KaDeWe und Chanel, sogar für die Vogue mit Désirée Nick.
1989 fiel die Mauer und damit war die Zeit von Allerleirauh vorbei. Auch da, so sieht es zumindest Frank, einige in der Gruppe dem Größenwahn verfallen waren.
„Wir wurden sehr gehypt. Wir sind sogar mal nach Florenz in den Palazzo Pitti gefahren. Da wurden extra noch 3 Häuser angebaut: eins für Jean Paul Gaultier, eins für Karl Lagerfeld und eins für uns! Unsere Chefin wollte bei unserer Schau keine Presse. Wie sinnlos! Dafür waren wir doch da.”
Vielleicht war es da ein kleiner Trostpreis, dass die Truppe bei einer Gaultier-Party eingeladen war. An diesem Abend trug Frank Plateau-Schuhe. In Kombination mit Alkohol und einer langen Wendeltreppe konnte das nur schief gehen. Das war nicht das einzige Mal, dass ihn hohe Schuhe zu Fall brachten.
1997, Kurfürstendamm, Berlin: Auf einem 1,1km
langen Laufsteg flanierten 802 Models, darunter Frank Schäfer. Bis dahin der längste Laufsteg der Welt.
„Ich trug diese riesigen schweren Massivholz-
Plateau-Stiefel. Damit bin ich zweimal in die Zuschauer geflogen, hab mir aber wieder nichts gebrochen. Danach war ich klatschnass. Ich stehe eigentlich gar nicht so drauf bewundert zu werden, fand es trotzdem toll!”
Im Laufe der Jahre hat sich Frank dann von der Mode abgewandt.
„Als Visagist muss man jung sein und die Mode des
Designers durch unkonventionelle, neue Sachen aufpeppen. Mit der Zeit wurde ich sehr professionell, was ich für Visagisten nicht gut finde. Deshalb war ich dann nur noch Friseur.”

Kapitel 3
“Latzhosen und Achselhaar“
Styling blieb für Frank Schäfer trotzdem wichtig. Für ihn bedeutet es Spaß, aber auch Selbstreflexion. Ihm liegt am Herzen, möglichst nicht “designed” auszusehen. Selber entworfen sind wiederum seine Tattoos und auch sein Schmuck ist täglicher Bestandteil seines Looks. Den Siegelring von seinem Vater legt er nie ab. Aktuell trägt er gern Latzhosen, er besitzt 15 Stück.
„Ich trage viel und mir gefällt auch viel. Wahrscheinlich ist das auch ein Ausdruck, aber der ist mir nicht so bewusst. Meiner Umwelt trete ich gegenüber: ‚So bin ich! Wenn ihr das doof findet, können wir nicht kommunizieren’.”
Über die heutige Mode möchte er nicht urteilen, aber er weiß, was ihm gefällt:
„Ich finde toll, wenn sich Leute zurecht machen.
Wenn sie es nicht tun, guck ich nicht hin“
Das war schon in seiner Kindheit so. Frank Schäfer, 1959 geboren, wuchs in einem eitlen Elternhaus auf. Sein Vater Gerd E. Schäfer war ein bekannter Schauspieler. Für ihn waren Sachen normal, die man sich in den sechziger Jahren nicht vorstellen konnte. Schon im Alter von 10 Jahren rasierte er sich die Achseln.
„Ich fand die anderen Kinder, die Achselhaar hatten, pervers.”
Nie kam ihm der Gedanke: „Vielleicht bin ick zu doll?” Da Frank stark stotterte, wurde Mode früh zu seiner Artikulierung, er wusste:
„Ich muss ganz hübsch sein, dann sprechen mich die Leute schon an.”
“Authentizität, Selbstakzeptanz und ein bisschen Party“
Kapitel 4
Frank Schäfer ist nicht nur eine Stilinspiration. Seine Werte und seine positive Einstellung zum Leben sind eine Schatztruhe an Inspirationen, von denen junge Leute eine Menge lernen können. Sein Stil geht weit über Mode hinaus!
„Ich war viel verliebt im Leben und hätte für Liebe
alles gemacht, aber ich habe mich auch geliebt!”
Selbstliebe ist für ihn die wichtigste Liebe. Als Kind hatte Frank mit dem Gefühl des Andersseins zu kämpfen. Als er in der achten Klasse die Ringparabel von Lessing aufsagen musste, wusste er jedoch, dass er nicht dazu gehören muss! Da er stotterte, brauchte er für das Gedicht 45 Minuten.
Zeit genug um seine Klassenkameraden zu beobachten:
„Ab dem Moment war mir klar, ich bin einzigartig. Wenn ich was erreichen will, muss ich vielleicht lügen, aber mein Herz wird nie dazu gehören.”
Ihn hat seine nicht perfekte Kindheit zum Nachdenken gezwungen.
„Negative Erlebnisse sind gut fürs Leben, sonst denkt man ‚wunderbar, mich will jeder küssen, wozu muss ich nachdenken’.”
Später hat er Schneider gelernt und Mode studiert.
„Da war es hilfreich, dass ich schon nachdenken konnte. Ich hätte in meinem Leben nichts anders gemacht.”
Heute wird Frank in seinem Salon von seinen Stammkunden sehr geschätzt. Wer einen Termin will, kann lange warten. Seit 45 Jahren ist er mittlerweile Friseur.
„Als Kind fand ich, eine Frisöse macht gar nichts. Die quatscht nur den ganzen Tag. Das wollte ich auch, was gemütliches halt.”
Dass Frank gerne und viel redet, natürlich mit Berliner Schnauze, war mir nach einer Minute in seinem
Laden klar. Seine Fähigkeit zu quatschen brachte ihm als junger Friseur das meiste Trinkgeld ein, obwohl seine Lehrmeisterin immer sagte: „Ach Frank aus dir wird sowieso nichts”.
Wenn er nicht gerade frisiert, sitzt er zu Hause auf der Couch und liest oder er tanzt im Keller vom
KitKat-Club, wo er früher Friseur- und Modenschauen
gemacht hat, zur Soul-Musik der siebziger Jahre. Für ihn ein Lieblingsort in Berlin.
Mit 65 jeden Samstag Party – so eine coole Socke will ich später auch mal sein.
„Alle machen sich zurecht, manches geht schief und ist nicht so cool dadurch. Das finde ich sehr sympathisch. Keiner kommt mit einer Fresse rein oder muss was beweisen.Ich will ein bisschen Wodka trinken und nicht so viel quatschen.”


Früher war Frank eine “kleine Berghain Maus”, aber sein place to be war es nie. Wer hätte gedacht, dass jemand, der mal die Love-Parade moderiert hat, gar nicht auf Techno steht.
„Dieses einheitliche Techno tanzen, alle in Schwarz, das find ich doof. Eigentlich war ich eine Diskomaus die als Punk verkleidet war.”
Abschließend möchte ich als Modejournalismus-Studentin wissen, ob Frank selber Magazine ließt und siehe da, seit 30 Jahren hat er die Vogue abonniert.
„Die kann man aber nicht mehr lesen, auch wenn manche Bilder noch schön sind.”
Schönheit ist für ihn aber nicht das Wichtigste:
„Ich liebe Humor in der Mode.”
Für ihn müssen Models nicht schön, sondern gut schminkbar sein. Sein Tipp an jeden Designer:
„Nimm bloß Hässliche, die verkaufen ein Kleid viel
authentischer.”
Er betont mit Nachdruck:
„Es ist toll, wenn man Komplexe hat!“
„Ich finde von cool passiert
keine Party – und
ich will Party haben!”
Text und Fotografie – Lina Kürschner
