DER PELZ IST DAS EINZIGE,
WAS ECHT IST
„Slavic Girl“ und „Russian Bimbo“, diese Hashtags und Videos gehen gerade in den sozialen Netzwerken und vor allem auf TikTok viral. Zu sehen sind junge Frauen in Pelzmänteln, die im Schnee Kaviar essen und zu einem russischen Pop-Song der 2000er mitsingen. Warum dieser Trend alte Wunden aufreißt und gesellschaftliche Probleme zum Vorschein bringt.
Eine Streitschrift von Darya Mayzus

2022, Moskau: Das Original, das den Hype, um das „Slavic Girl“ startete CREDITS – Photo: Andy Osika
Kaum fallen die ersten Schneeflocken, packen alle ihre Fellmäntel aus und schwelgen in der „Slavic Era”. Das sogenannte „Slavic Girl” ist oft keine russisch- oder slawisch-stämmige Person, sondern Influencerinnen, die sich dem Trend anschließen, um Reichweite zu generieren. Dabei stellt sich mir die Frage, warum DAS niemand als kulturelle Aneignung deklariert und ablehnt. Immerhin leben wir gerade jetzt in einer radikalen „Cancel-Culture”, die sonst auch jeden öffentlichen Fehltritt systematisch maßregelt.
Nicht allzu lange ist es her, dass wir für unsere Aussprache und das rollende „R” kritisiert und für unseren Kleidungsstil skeptisch beäugt wurden. Daher kommt auch der Hashtag des „Russian Bimbo Style”. Letzte Woche noch geschmacklos, protzig und vulgär – heute sexy, cool und erstrebenswert. Plötzlich passt es in den Hype und alle springen darauf an, aber meine Kultur ist nicht euer neuster Trend. Ich finde es schön, dass unsere osteuropäischen Traditionen den Nerv der Zeit treffen, Kulturen sind schließlich da, um geteilt zu werden. Trotzdem ist das kein Grund, sich auf unsere Kosten an Klischees zu bedienen, um auf Instagram und Co. relevant zu bleiben.
„Meine Kultur ist nicht euer neuster Trend.“
Ursprünglich entwickelte sich der große Hype um das „#Slavic Girl” aus einer Foto- und Videostrecke der Stylistin Natali Afanasievskaya. Sie selbst lebt in Los Angeles, hat aber russische Wurzeln. Gemeinsam mit dem russisch-amerikanischen Fotografen Andy Osika produzierten sie die überspitzte und klischeehafte Darstellung der russischen Frau als Hommage an ihre Herkunft. Name dieser Komposition: „Nastja und der Bär”, angelehnt an das russische Volksmärchen „Mascha und der Bär”, welches in viele Sprachen übersetzt und 2013 sogar in Deutschland zu einem beliebten Kinder-Cartoon wurde.


CREDITS – Photo: Andy Osika, Model: Anastasia Chaplygina & Tom the Bear, Styling: Natali Afanasievskaya, Hair: Napisat Alieva, Make-up: Laura Alieva, Assistenz: Igor Odnosum
In der originalen Produktion der Stylistin ist eine Blondine mit Pelzmantel, Fellmütze und Bikini im Schnee zu sehen, bereit zum Eisbaden, Jagen oder Holzhacken. Das alles gepaart mit russischen Spezialitäten wie Wodka, Kaviar und einem gezähmten Braunbären. Erstmals publiziert wurde das Video im Winter 2022, ein Jahr später ging es viral. Es waren russische Influencerinnen, die den Trend in der breiten Masse etablierten, indem sie ihre Winterkleidung im Schnee mit einem Kaviarbrot inszenierten. Auch ausgewanderte Slaven schlossen sich diesem Hype an und zelebrierten so gemeinsam ihre Wurzeln. Das ist die eigentliche Stärke dieses Trends, stolz auf seine Herkunft zu sein, denn das war nicht immer so. Einmal ausgewandert, kann man nie mehr zurück. Man ist fremd in beiden Ländern.
Ich möchte betonen, dass „russisch” für mich nicht mit Russland gleichzusetzen ist. Russisch ist für mich die Kultur, die sich im siebzehnten Jahrhundert des russischen Kaiserreichs entwickelte. Es gibt vierzehn slawische Länder, in denen sich diese Kultur heute noch wiederfindet und Menschen verbindet, trotz Landesgrenzen und unterschiedlicher Sprachen. Mittlerweile gibt es zahlreiche Variationen von internationalen Blogger*innen, die rund um das „Slavic Girl” ihre eigenen Interpretationen kreieren. Diese werden zusätzlich von russischen Songs untermalt, die brav mitgesungen werden, ohne ein einziges Wort davon zu verstehen. Eine Gemeinsamkeit verbindet die Videoclips aber immer – Klischees der osteuropäischen Frau, die anscheinend wohl nichts anderes kann, als im Pelzmantel gut auszusehen und Kaviar zu löffeln.
Man hätte es kaum geahnt, aber die slawische Frau sieht nicht jeden Tag so aus, es ist die klassische Darstellung der übersexualisierten Russin, als Trophy-Wife oder Oligarchenfrau. An dieser Stelle muss ich aber gestehen: Ja, wir lieben unseren Pelz und ja, wir tragen ihn mit Stolz. Er ist so tief in unserer Geschichte verankert, dass es nach dem Zerfall der Sowjetunion sogar Pelzkredite gab. Bei Geldnot brachte man seinen Pelzmantel als allerletztes zur Pfändung. Das verdeutlicht recht gut, welchen enormen Wert dieses Kleidungsstück besitzt.
„Bei Geldnot brachte man seinen Pelzmantel als allerletztes zur Pfändung.“

1995, Donezk: Der echte , Slavic Core“, seit Generationen unverändert und immer im Trend. Mein Vater (mittig) zusammen mit seinen Studienkollegen. Getragen werden Pelzmäntel aus Nutria, Fuchs, Zobel und weißem Itis. CREDITS – Foto aus dem Familienarchiv Mayzus
Ursprünglich kommt die russische Pelzkultur aus Sibirien. Bei Temperaturen von minus 60 Grad ist es nun mal das Einzige, das warmhält und vor dem Erfrieren schützt. Ich wohne zwar im milden Europa und erlebe nicht den eisigen russischen Winter, trotzdem trage ich Pelz. Viele sehen darin nur das Paradebeispiel für Tierleid und Brutalität, aber für mich ist der Pelz ein Teil meiner Kulturgeschichte. Andere kaufen sich parallel jeden Winter zwei neue Jacken aus Polyester und Daunen, essen Fleisch und marschieren trotzdem bei Klimaschutzdemos mit – das sollte hinterfragt werden und nicht mein Pelz, der seit Generationen in meiner Familie weitervererbt wird und zu meiner Identität gehört. Natürlich ist der Pelz ein Statussymbol und natürlich können sich nur die Wenigsten einen solchen Luxus leisten. Pelzimitate und Jacken aus „Fake Fur” werden deshalb immer populärer und immer mehr junge Russinnen entscheiden sich bewusst gegen den Kauf von neuem Pelz und greifen zu Alternativen.
In der Sowjetunion wurde früher von westlicher Kleidung geträumt. Eine originale Levis statt traditionellen Kopftüchern war der Wunsch vieler Jugendlicher. Heute aber, bildet die Idee der russischen und postsowjetischen Mode bei Designerlabels eine populäre Grundlage für neue Kollektionen. 2009 lancierte Karl Lagerfeld für Chanel die Kollektion „Paris – Moscou”. Die Designs waren an die Opulenz des russischen Zarenreichs angelehnt. Auch der Moskauer Designer Gosha Rubchinskiy kooperierte 2017 mit der Sportbekleidungsmarke Adidas. Zur Fußball-WM entwickelten sie gemeinsam eine Kollektion, die an der russischen Jugendkultur der 80er und 90er Jahre inspiriert war. Der Modedesigner Demna Gvasalia griff in der Frühlingskollektion 2019 für Vetements ebenfalls die sowjetischen 90er Jahre auf und widmete diese seinem Heimatland Georgien und dem in dieser Zeit ausgebrochenen Bürgerkrieg.
„Eine originale Levis statt traditionellen Kopftüchern war der Wunsch vieler Jugendlicher.“
Ein Interesse an der russischen Kultur gab es also bereits in der Mode, jetzt folgt der „Slavic Trend”. Es wäre aber angebracht zu hinterfragen, warum dieser Russland Kult gerade jetzt so stark in den Vordergrund rückt. Obwohl sich das Land aktuell im Krieg befindet und radikal sanktioniert wird, scheint das in der Welt der Unterhaltungsmedien eher Nebensache. Die Reels und Beiträge erscheinen trotzdem auf jeder For-You-Page, eine scheinheilige Welt, ohne Reflektion.
Dabei versuchen sich die Internet-Stars immer gegen ihre Konkurrenz zu beweisen. Wer hat die meisten Likes, die meisten Aufrufe oder die längste Kommentarspalte. Am wichtigsten in diesem Wettlauf ist die Frage: Wer hat das schönste Aussehen und somit auch die größte Ähnlichkeit mit dem „Slavic Girl”? Ihr gepflegtes Äußeres ist bekanntlich ein wichtiges Merkmal, aber woher kommt die Schönheit unserer Frauen? Ganz einfach, Schönheit liegt in unserer Natur. Nicht weil wir besonders schön geboren werden, sondern weil wir von Kindheit an lernen schön zu sein. Dabei spielt es keine Rolle, wie viel Budget zur Verfügung steht. Lieber isst man einen Monat lang nur Suppe, als den Besuch bei der Kosmetikerin auszulassen. Zur Not übernimmt die beste Freundin das Wimpernfärben. Ein makelloses Erscheinungsbild hat oberste Priorität und fordert neben Zeit und Geld auch große Hingabe.

1983, Mariupol: Uschanka, Fellmützen und Pelzkragen werden im Winter täglich getragen. Meine Oma (links) verteilt Lose für eine Buchlotterie. CREDITS – Foto aus dem Familienarchiv Mayzus
Was unseren opulenten Kleidungsstil angeht: Die Stilettostiefel werden auch im Winter bei Glatteis getragen. Ja, wir brechen uns lieber das Genick, als in Dr. Martens und Timberlands vor die Tür zu gehen. Ich bin mir sicher, das war der Grund, warum Taxis erfunden wurden. Die Optik steht meist über dem Komfort und es wird ein klassisch femininer Look bevorzugt. Statt Jeans und Sweatshirt gibt es Blusen, Röcke und Kleider. Ich denke, es ist jetzt klar, warum die russische Schönheit nicht mit einer Fellmütze imitiert werden kann.
Wofür das alles? Davon abgesehen, dass uns diese Werte vom ersten Atemzug eingetrichtert wurden und fest in unserer Psyche und Kultur verankert sind, werft bitte einen Blick auf Russlands Demographie. Es herrscht großer Männermangel. Abgesehen von den Weltkriegen, sterben viele Männer auch früh an den Folgen von Alkoholmissbrauch oder sitzen im Gefängnis, da das russische Rechtssystem oftmals zu Gunsten des größeren Geldbeutels entscheidet.
In diesem Sinne, hört auf uns zu verurteilen, dass wir zum Müll rausbringen Lippenstift und Mascara auftragen, Pelze anziehen und komisch riechende Pausenbrote essen. Jede Kultur hat ihre Eigenheiten und keine davon ist fehlerfrei. Trotzdem sollte jeder seinen Bräuchen treu bleiben dürfen, ohne ständigen Bewertungen und Vorwürfen ausgesetzt zu sein und sich auch noch seltsam imitiert zu fühlen.
„Ja, wir brechen uns lieber das Genick, als in Dr. Martens und Timberlands vor die Tür zu gehen.“
Disclaimer:
Bei der Verwendung der Wörter „Wir“ und „Uns“ sind Menschen gemeint, die Wurzeln in Russland, der Ukraine und Belarus haben und generell alle, die sich diesen Kulturen zugehörig fühlen.
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