tRASHY CLOTHING
Für die beiden palästinensischen Designer ist Mode nicht nur Stoff und Nähte, sondern eine leidenschaftliche Botschaft, ein Liebesbrief an ihre Wurzeln und an die vielfältige arabische Kultur.



Text: Karma el Gabry | Bilder: Trashy Clothing
Ein Trommelbeat, begleitet von einer auf Arabisch rappenden Frauenstimme, setzt ein. Die ersten Models betreten den Laufsteg. Die Modenschau beginnt — doch eine Graffiti-Wand blockiert die Sicht der Hälfte der Zuschauer*innen. Frustriert setzen sich die Zuschauer*innen hinter der Wand auf die gegenüberliegende Seite des Catwalks, um einen klaren Blick auf die Show zu kriegen. Aber die Wand stellt nicht einfach nur ein lästiges Hindernis dar; sie repräsentiert die Mauer zwischen Israel und dem Westjordanland.
Mit ihrer Debütshow während der Berlin Fashion Week im Juli 2018 wollten die palästinensischen Gründer und Creative Directors Shukri Lawrence und Omar Braika des Modelabels tRASHY CLOTHING dem Publikum einen Einblick in ihre täglichen Erfahrungen aus ihrem Heimatland geben. Nun sind sechs Jahre seit diesem wegweisenden Auftritt vergangen und die Brand hat mittlerweile internationale Anerkennung erlangt. Die Kollaboration mit dem Berliner Label GmBH, Bilder von Modeikonen wie Top-Model Bella Hadid und Schauspielerin Julia Fox in TC-Kleidungsstücken sowie Features in renommierten Modemagazinen wie Vogue und Dazed sind nur einige ihrer beeindruckenden Erfolge seit der Gründung im Jahr 2017.
Warum bringt sich ein Modelabel mit trashiger Kleidung in Verbindung? Genau hierin liegt die kühne Vision der beiden Kreativdirektoren. Das selbsternannte „Anti-Luxus-Luxuslabel” hinterfragt ästhetische Normen in der Modeindustrie. Mit Designs, wie dem Korsett aus dem gummiartigen Scuba-Material, verwandeln Shukri und Omar klassische Eleganz in einen glamourösen Clubwear-Stil und definieren die traditionelle Vorstellung von Couture neu. Gleichzeitig zelebrieren die beiden Designer die reiche Kultur Palästinas und der arabischen Welt.
Als leidenschaftliche Archivare sammeln Shukri und Omar eine Vielzahl an arabischen Artefakten — von politischen Plakaten bis hin zu popkulturellen Musikvideos. Vom grafischen T-Shirt mit dem Bild der berühmten arabischen Künstlerin Haifa Wehbe inmitten eines Herzens aus roten Rosen bis hin zu einem Wickel-Maxirock mit einer Abbildung palästinensischer Landschaft und Fransen am Saum: Die Quelle ihrer Inspiration ist unverkennbar die arabische Welt. Der Y2K-Stil des Labels stellt eine Mischung aus Camp, Kitsch und trashiger Eleganz dar.
„Unsere Realität kann so absurd sein, dass wir Ironie als die Sprache unseres Labels nutzen.“
-Shukri & Omar
Shukri und Omar integrieren ihre Erfahrungen als Palästinenser humorvoll in ihren Kollektionen. „Unsere Realität kann so absurd sein, dass wir Ironie als die Sprache unseres Labels nutzen”, erklären die Designer. Neben der Ironie nimmt das Storytelling einen ebenso wichtigen Platz im Ethos der Brand ein. Schließlich haben die Beiden in Jordanien Film studiert, wo sie sich in die Kunst des Storytellings vertieften. Die AW21-Kollektion „Errorvision” verkörpert stilvoll die Erzählkunst und Ironie der Marke.
Sie hinterfragt humorvoll die politisierte Welt von globalen Wettbewerben wie dem Eurovision Song Contest, den Olympischen Spielen und Miss Universe. Von der kühnen Kunstpelz-Schärpe mit der Aufschrift „Miss Apartheid“ bis hin zu den dezenteren Stücken wie die Olympic Inspection Trousers wird Errorvision in Form einer Branding-Kampagne präsentiert, die die allgegenwärtige Welt des Art-Washing auflöst, um die politischen und blutigen Regime zu enthüllen, von denen abgelenkt werden soll. Die Marke setzte mit einem Augenzwinkern in ihrer Instagram-Caption ein Statement: „A non-political collection by a non-political label”, was deutlich auf die mittlerweile stark politisierten globalen Wettbewerbe anspielt.
tRASHY CLOTHING kombiniert auf glamouröse Weise kitschige Mode, ikonische popkulturelle Anspielungen und politische Botschaften. Das Label hat nicht nur eine einzigartige Stimme in der Mode gefunden, sondern auch einen Raum geschaffen, in dem die Kraft der Geschichten und der kulturellen Vielfalt sich entfalten kann. Shukri und Omar blicken selbstbewusst in die Zukunft und sehen das Label in den nächsten zehn Jahren als stolzes palästinensisches Modehaus in der Mainstream-Modeindustrie.

