TEXT – LIA ZINKE

UGLY CHIC

Ist das noch schön?

Der Grad zwischen mutigen Outfit-Choices und etwas schlicht weg Hässlichem wird immer schmaler. Wer hätte gedacht, dass eine kontroverse Mischung wie Cowboy-Stiefel kombiniert mit knielangen Sporthosen und einem eleganten Korsett-Oberteil Fashion sein kann – und wie kam es dazu? 

ALLE BILDER STELLEN PASSANT:INNEN IN IHRE EIGENEN OUTFITS iN BERLIN KREUZBERG UND FRIEDRICHSHAIN DAR

Zu allererst die Hardfacts: Ugly Chic ist eine Trendbewegung, die einen speziellen Stil in der Mode beschreibt. Übersetzen könnte man dieses Phänomen als „elegante Hässlichkeit“. Die letzten Jahre etablierten sich die absurden Looks sowohl auf den Laufstegen als auch auf der Straße. Hintergründe zur Verweigerung herkömmlicher Stilvorstellungen gibt es einige. Irritation führt zunächst immer zu Aufmerksamkeit und diese funktioniert als kostenlose Werbung. Was in Frage gestellt wird, wird beachtet und in der Modebranche wächst die Lust nach Überraschendem immer mehr. Ein wichtiger Aspekt ist dabei der Einfluss von Social Media. Saisonale Inspirationen von Modekollektionen wurden dadurch völlig überholt und lösten bei Konsument:innen einen Überfluss an Wahrnehmungen aus. Es scheint, als hätte man alles schon gesehen, es wird nur noch beachtet, was schockiert. Ein gutes Beispiel für Ugly Chic ist der Plateau-Croc, entworfen vom Kreativdirektor Balenciagas, Demna Gvasalia. Ein Schuh, der bekanntlich dem Komfort zunutze war, gilt nun als Fashion Statement und ziert die Füße von Models wie Bella Hadid.

Des Weiteren ist zu bemerken, dass das Aufbrechen stilistischer Normen nicht nur für Aufruf, Interesse, Irritation oder sogar Empören sorgt, sondern eben auch anderweitig an herkömmlichen Idealen rüttelt. Uglychic ist nämlich weder eindeutig der Men’s noch der Women’s Wear zuzuordnen und verwischt somit die Grenzen der Geschlechter. Es gilt auffallen, statt gefallen. Damit wird auch der weibliche Sex-Appeal als zu erfüllender Attribut komplett über Board geworfen und unterstützt die Abgrenzung vom Male Gaze.

In diesem Fall ist es andererseits schwierig zu differenzieren, ob es sich hier um Konsumkritik und Rebellion gegen die Wegwerfkultur oder die Ausgrenzung derer handelt, die sich vielleicht nicht in der privilegierten Position des konventionellen Schönseins befinden. Wird jemand, der trashige Kleidung, Crocs und ranzige Jeansjacken trägt, einfach weil es ihm nicht anders möglich ist, nicht im gleichen Zuge verspottet? Nur weil Bella Hadid jetzt schäbige Kleidung trägt, bedeutet das ja kaum, dass nun jeder darin gut aussieht, oder? Wer kann die hässliche Eleganz tragen und wer nicht?

Die Straßen der Großstädte sagen einiges darüber aus: Es ergibt Sinn, dass die Ugly Chic Ästhetik vor allem im Streetstyle einen Platz findet. Im Lookbook einer Vetements-Kollektion, nach (Überraschung!) Demna Gvasalias Idee, wurden beispielsweise keine Models sondern Passant:innen zur Darstellung der Designermode gecastet. Und auch bei der Beobachtung der Menschen in, wie in unserem Fall, Berlin, fällt schnell auf, dass das Kombinieren auffälliger modischer Elemente sehr beliebt zu sein scheint. 

Die Hauptzielgruppe dieses Stils sind junge Erwachsene in ihren Zwanzigern, die in ihren Outfits strahlen und die Regeln der Mode stetig umschreiben. Da es bekannt ist, dass das Hässliche sonst üblicherweise ausgegrenzt und dessen Existenz verdrängt wird, kann man es grundsätzlich als positiv betrachten, dass diese Generation unkonventionelle Schönheit in die Gesellschaft integriert. Imitation benachteiligter Gruppen oder die Verspottung bestimmter Lebensumstände sollten dabei ausgeschlossen werden, allerdings spielt der künstlerische Aspekt der Mode hier wohl eine wichtigere Rolle, als der kapitalistische.

Wie alles andere auch, kann man diesen Umbruch des Ausdrucks in der Mode in Frage stellen. Allerdings führt das ewige Hinterfragen eben erst zu diesen Bewegungen. Das Pendel der Veränderungen kann genauso gut zurückschwingen, so dass das Unscheinbare zum neuen Stilbruch wird.