UMHÜLLT VON PRIVILEGIEN
TEXT – JOSEPHINE GOTTSCHALK
Es geht niemals um das was wir haben, sondern immer nur um das was wir wollen. Wonach wir uns sehnen, ist der Konsum von Stoffen, durch die wir uns besser fühlen. Die Sehnsucht nach dem Gefühl, seinen eigenen Wert zu steigern, abhängig von dem Wert dessen was unsere Haut umhüllt.
BILD – PATRICK ZÖLLIG / MODEL – IDA WITZEL
Als ich noch ein junges, naives Mädchen war, habe ich mir nie Gedanken um Dinge wie Privilegien und Geld gemacht. Mir ging es immer gut, mir fehlte an nichts, denn ich bin mit Privilegien aufgewachsen. Ich hatte dazu noch das „Glück“, wie auch immer man es nennen mag, im Zeitalter der sozialen Medien und den mit sich bringenden Influencerinnen aufwachsen zu dürfen. Am Anfang habe ich es nicht verstanden. Ich dachte mir, ja, das will ich auch haben. Am Ende der Woche hatte meine gefeierte Influencerin ihr zehntes Paket bekommen und alles was ich mich fragen konnte war, wie bezahlt sie das? Auf TikTok geht es ähnlich zu, ständiges Zeigen des Habens. Ich scrolle gedankenlos durch meine ForYou-Page, während ich mit Bettdecke überm Kopf im Bett liege, den ganzen Tag schon. Ein Haul nach dem nächsten, gepaart mit Style with Me´ und den ganz natürlichem Zeigen des Outfits. Nach jedem Video finde ich mich in den Kommentaren wieder und suche nach der ersehnten Antwort aufWoher ist die Jacke?´. Und so geht es weiter und scheint nie ein Ende zu nehmen. Überall wo man hinschaut, lauern Versuchungen des Kaufens. Fashion macht mich süchtig und um mit meiner Sucht existieren zu können, brauche ich Geld.
Wir leben in einer Konsumgesellschaft, wir können uns dagegen wehren, es leugnen, aber es stimmt. Besonders die Modeindustrie beruht auf dem kontinuierlichen Drang des Kaufens. Wir verschulden uns ein Leben lang, nur um einen kurzen Moment des Glücks
zu empfinden. Dabei versuchen wir so viel besser zu sein und canceln Fast Fashion. Ab jetzt wollen alle nur noch Second Hand kaufen und die Umwelt retten. Früher war Second Hand noch die günstigere Alternative, auf die Menschen angewiesen waren, die es sich sonst nicht leisten konnten, Neues zu kaufen. Heute haben die Preise bei Humana gleichgezogen mit den von in plastikverpackten Stoffen. Menschen, die auf die günstigen Preise angewiesen sind, können sich keine Kleidung mehr leisten, denn die Fashion People unserer Generation, finden ihre neue alte Vintage-Dolce & Gabbana-Jeans im Humana ihres Vertrauens. Second Hand ist kapitalisiert worden, und diejenigen, die keine anderen Alternativen haben, leiden darunter. Dabei ist es kein modernes Thema, dass sich die oberste Klasse an der Mode der Arbeiterklasse bedient. Allgemein ist das auch als `Poverty Chic´ bekannt, der den eigenartigen Modetrend lediglich romantisiert und zu etwas macht, was es nicht ist, nämlich erstrebenswert.Demna Gvasalia, der seit 2015 Creative Director bei Balenciaga ist, hat die Pariser Luxusmarke durch genau diesen Trend populär gemacht. Mit dem „Paris Sneaker“ hat Balenciaga die Fashion-Industrie schockiert. Ich rede von einem gewöhnlichen Converse All Star Sneaker, nur das der von Balenciaga zerstört und untragbar ist, für 1450€. Der Sneaker sieht aus, als würde er jemanden gehören, der seit Jahren ohne Wohnung und ohne Existenz leben musste.
Wir wollen krampfhaft besser sein, doch vergessen, dass die Möglichkeit des Versuches ein Privileg ist.
Was macht es mit uns, wenn die Fashion-Industrie ein kontroversen Wandel bevorzugt, indem die Inspiration für luxuriöse Looks die Armut der Menschen ist, die sich die Fashion niemals leisten könnten. Während ich vor dem Bildschirm sitze und diese Zeilen verfasse, schaue ich mehrmals auf Instagram oder TikTok, ganz automatisch. Mit jedem Klick sehe ich ein weiteres Bild, noch ein Video, die Story von Influencerinnen, gekleidet in teurer Kleidung. Gesponsert von Dior, sitzend in der Paris Bar. Dabei denke ich daran, wie erfolgreich man eigentlich sein müsste, um diesen Lebensstil auszuleben.
Influencer*innen sind nichts weiter als ein Marketing-Medium für Brands, um ihre Produkte zu vermarkten. Aber das Leben, das vermarktet wird, ist nicht für die gewöhnliche Mittelschicht, sondern für die oberste. Für die Menschen die es sich leisten können, und die merken wahrscheinlich nicht mal, wie privilegiert sie sind.
Sind wir Privilegierten nicht alle so privilegiert, dass wir es fast nicht bemerken? Wir sagen wir sind pleite, doch sind wir es nie richtig. Die Überbrückungszeit bis wir wieder monatliches Geld auf unser Konto überwiesen bekommen, ist eine aufregende Zeit des Verzichts. Danach sind wir wieder im Plus und geben unser Geld erneut aus. Dabei wissen wir gar nicht, wie es ist wirklich arm zu sein. Kein Geld und auch nicht die Gewissheit zu haben, dass es nächsten Monat wieder da ist. Wir sind alle Hypocrites, die denken, Kaufen auf Vinted rettet das Klima, während wir jede Woche fünf Pakete erhalten und nicht mehr wissen, wohin mit den y2k-Tops von irgendwelchen Muttis. Wir geben unser monatliches Geld für eine Vintage-Designer-Tasche aus, wodurch wir uns für einen kurzen Moment besser fühlen.
Wir verabscheuen Fast Fashion, doch vergessen, dass Menschen darauf angewiesen sind. Wir wollen krampfhaft besser sein, doch vergessen, dass die Möglichkeit des Versuches ein Privileg ist.
