Vintage-Schmuck war lange ein Geheimtipp. Heute ist er als Trend auf den Laufstegen der Fashion Weeks zu sehen. Darüber haben wir mit der Schmuckexpertin Anna Kantor gesprochen.
TEXT MIRIAM KANTOR ARTWORK ANNA KANTOR

Pre-loved-Schmuck hat etwas Subversives, Un- angepasstes: Chunky Chains, denen man die 1980er deutlich ansieht, die aber cooler und frischer wirken als je zuvor. Eine alte Rolex Datejust trägt man nicht nur, um pünktlich zu sein. Sie ist ein Statement.
Doch was steckt hinter diesem Phänomen? Was macht Vintage-Schmuck aus und wie wird er bewertet? Anna Kantor, Leiterin der Schmuck- abteilung eines Auktionshauses in Düsseldorf, erklärt: „Ein Ring, der vielleicht in einer Schub- lade versteckt wurde, weil die Liebe zerbrach, hat einen anderen emotionalen Wert, als wenn er einfach nur im Laden gekauft wurde.“ Genau das ist es, was viele bei Vintage-Schmuck an- zieht. Es geht nicht nur um den Wert des Ma-
terials, sondern auch um das Gefühl, das das Stück vermittelt, die Geschichten, die es er- zählt. Diese sind es, die für viele den Charme von Second-Hand-Schmuck ausmachen.
In der heutigen Welt, in der viele von uns nach Authentizität und Nachhaltigkeit streben, bie- tet der Kauf von Vintage-Schmuck eine Mög- lichkeit, beiden Zielen gerecht zu werden. „Mit Vintage-Schmuck haben wir die Möglichkeit, einen Beitrag zur Nachhaltigkeit zu leisten, weil wir etwas kaufen, das bereits existiert“, sagt Anna. „Und das ist auch eine Form von Wert- schätzung für die Handwerkskunst, die darin steckt.“
Anna kennt sich nicht nur mit Schmuck im Allgemeinen aus, sie ist auch Gemmologin: „In der Gemmologie geht es darum, Edelstei- ne wie Diamanten und andere Farbedelsteine auf ihre Authentizität und Qualität zu prüfen.“ Ihre Arbeit als Gemmologin ist alles andere als oberflächlich. Sie beschäftigt sich mit der Her- kunft von Steinen, deren chemischen und phy- sischen Eigenschaften und, besonders wichtig, ihrer Echtheit.
„Es gibt natürliche und synthetische Diaman- ten, die im Labor gezüchtet werden und Dia- mantimitationen wie Zirkonia. Der Unterschied ist, dass synthetische Diamanten chemisch identisch mit natürlichen Diamanten sind, wäh- rend Imitationen einen Stein nur nachahmen, aber völlig anders zusammengesetzt sind“, er- klärt Anna. Und genau diese Expertise ist not- wendig, um den wahren Wert eines Schmuck- stücks zu erkennen. In ihrer täglichen Arbeit nutzt sie spezielle Werkzeuge, um sicherzustel- len, dass ein Stein echt ist. Das kann über den Preis eines Stücks entscheiden.
„Es geht nicht nur darum, ob ein Stein echt ist“, sagt Anna. „Auch die Herkunft ist entscheidend. Ein Smaragd aus Ko- lumbien zum Beispiel ist weit wert- voller als ein Smaragd aus ande-

ren Regionen, einfach weil die Qualität und die Einschlüsse des Steins einzigartig sind.“ Diese Feinheiten sind das, was
den Wert eines Vintage-Schmuckstücks aus- machen und was es von modernen Imitationen unterscheidet.
In einem Auktionshaus wie dem, in dem Anna arbeitet, wird Schmuck nicht verkauft, sondern kommissioniert. Das bedeutet, dass Schmuck- stücke im Auftrag ihrer Besitzer versteigert werden. Das ist ein langwieriger Prozess. In der sogenannten Vor-Auktionszeit werden Schmuckstücke begutachtet. „Besonders bei Schmuck aus Edelmetallen wie Gold oder Pla- tin geht es darum, den Materialwert zu berech- nen“, erklärt Anna. „Da wiegt man die Stücke, schaut sich die Legierungen an und ermittelt, was das Material allein wert ist.“ Für Diamanten oder farbige Edelsteine wird der Wert anhand von Börsenpreisen oder mithilfe von Marktana- lysen geschätzt.
Aber es ist nicht nur der Materialwert, der den Preis bestimmt. „Die Qualität der Steine ist entscheidend“, sagt Anna. „Bei Diaman- ten ist es die Klarheit, der Schliff und die Größe. Ein Einka-
räter kann tausende von Euro kosten, während kleinere Diamanten nur einen Bruchteil wert sind.“ Wenn es um Vin- tage-Schmuck geht, wird der Wert oft auch durch den Zustand des Stücks und die Ge- schichte, die es mitbringt, beeinflusst. „Jedes Stück hat seine Geschichte, die es besonders macht“, erklärt Anna weiter. Viele Schmuck- stücke wurden über Generationen weiterge- ben, einige wechseln aufgrund von verlorenen Erinnerungen oder zerbrochenen Beziehungen ihre Besitzer.
Ein Thema, das immer wieder aufkommt, ist der Unterschied zwischen echtem und Mode- schmuck. „Modeschmuck ist normalerweise aus weniger wertvollen Materialien wie Edel- stahl oder Kupfer und wird häufig mit Kunst- steinen oder Glassteinen verziert. Ein typisches Beispiel dafür ist Schmuck von Swarovski, der oft mit Glassteinen oder synthetischen Edel- steinen wie Zirkonia gearbeitet wird“, erklärt Anna. Dieser Schmuck kann trotzdem wunder- schön und stilvoll sein, aber er unterscheidet sich stark im Wert von echtem Schmuck.
Trotz der Materialunterschiede gibt es Marken, die Modeschmuck auf höchstem Niveau produzieren. Luxushäuser wie Chris- tian Dior, Prada, Bottega Veneta und Loewe gehören zu den führenden Herstellern von Modeschmuck. „Bei diesen Marken geht es oft weniger um das Material, sondern um die Verarbeitung und das Design“, sagt Anna. „Oft werden Glassteine oder synthetische Perlen in hervorragender Qualität verarbeitet und zu
hohen Preisen verkauft.“
Ein weiterer Faktor, den Modeschmuck von echtem Schmuck unterscheidet, ist seine Halt- barkeit. „Modeschmuck kann bei richtiger Pfle- ge lange halten, aber er ist nicht so robust wie echter Schmuck, der aus hochwertigen Edel- metallen und echten Edelsteinen besteht“, er- klärt Anna. „Viele moderne Marken wie Fendi oder Dries van Noten setzen Modeschmuck als Möglichkeit ein, Kollektionen mit auffälli- gen, kreativen Stücken zu bereichern, die in den trendigen Accessoires-Markt passen.“ So bieten diese Stücke eine günstigere Möglich- keit, mit den neuesten Modetrends Schritt zu halten.
