


WHY SO SERIOUS?


Warum verlieren Teenager die Lust an Kindlichkeit – und kleiden sich schon mit 15 wie 25? Ein Plädoyer für mehr Spaß, Farbe und den Mut, wieder Kind zu sein.





TEXT + MODEL EMILIA SUDROW
FOTOGRAFIE AGNESE GOLIA
„Ich möchte nie erwachsen werden.“ – Das Motto von Pippi Langstrumpf wurde schon mit gerade mal fünf Jahren zu meinem Leitsatz. Sogar mit 20 Jahren muss ich meinem damaligen Ich immer noch dafür applaudieren. Dem Motto getreu habe ich meine Kindheit in vollen Zügen ausgelebt und genossen, denn erwachsen sein hieß für mich vor allem eins: Auf Wiedersehen Spaß und Hallo liebe Sorgen.


So verbrachte ich meine Zeit lieber auf der Schaukel des Spielplatzes, mit einem Kuscheltier im Arm oder bei einem Kinderfilm auf der Couch. Natürlich trug ich auch so lang bunte Kleidung aus der Kinderabteilung, bis ich dann doch zur Erwachsenenabteilung wechseln musste. Micky Maus Pullover, lila Fleecejacke, Skinny Jeans und Einhornschal – ich kann mich noch gut daran erinnern, was für mich mit zwölf, dreizehn Jahren stylisch war. Getragen habe ich nicht das, was der neuste TikTok-Trend vorgab – zumal die Plattform „damals“ noch musical.ly hieß und eher für ihre Lip-Sync-Videos bekannt war, als ernsthafte Lifestyle- und Fashiontrends zu setzen. Heute ist das anders, die sozialen Medien haben sich verändert, und mit ihnen auch die Gesellschaft und die neue Generation Jugendlicher. Es scheint, als wollten sie ihre Kindheit schnellstmöglich hinter sich lassen.



Cleanes Make-up, basic Outfit – perfekt gestriegelt und gebürstet. Denn als Kind wahrgenommen werden – das will heute scheinbar niemand mehr. Ein Gedanke, der bei mir auf Unverständnis stößt. Die kindliche Unbeschwertheit, Fantasie und endlose Kreativität sind schließlich etwas Einzigartiges: Eine Magie, mit der alles möglich scheint. Das fasziniert mich bis heute. Ehe man sich versieht, ist der Zauber verpufft: Bürokratie, Kapitalismus und Co. kann man schließlich nicht auf ewig entkommen – was bleibt, ist die Erinnerung.


Statt aber die sogenannte Awkward-Stage zwischen Kindheit und Erwachsensein als solche anzunehmen und etwas Spaß beim Experimentieren zu haben, scheinen Teenager so schnell wie möglich dem großen Ziel in die Arme zu rennen: endlich erwachsen sein. Mir scheint, als zeichne sich bei vielen Teens heute schon früher ein Wandel in ihrem Auftreten, ihrer Kleidung und ihrem Selbstbild ab. Da ist kein Platz mehr für einen Pulli mit der liebsten Zeichentrickfigur, stattdessen lassen sie sich von einer, in den Sozialen Medien propagierten, Ästhetik der Perfektion beeinflussen.


Ihre Vorbilder sind Influencer*innen, deren Look clean und erwachsen ist. Der Druck auf die Teenager steigt. Sie wollen erwachsen wirken, denn Social Media zeigt ihnen: Erfolg, Schönheit und Anerkennung sind mit Reife gleichzusetzen. Kindlich sein ist peinlich. Jeder Produktempfehlung wird mit einem Klick gefolgt – egal ob Skincare, Make-up oder eben Kleidung. Das Resultat ist ein Look, der eher nach 25 als nach 15 aussieht.


Trends wie Mob Wife, Office Siren, Clean Girl oder Quiet Luxury romantisieren das Erwachsensein und setzen seine Träger*innen mal als bestechend und sinnlich, mal als strukturiert und erfolgreich in Szene. Aber immer als erwachsen. Diese Trends werden gleichermaßen von Teens als auch von Erwachsenen getragen. Nacheifern geht über Herausstechen. The boredom has arrived!


Sicher sind es aber nicht nur Social Media Ästhetiken und Influencer, die den Wunsch nach dem Erwachsenwerden verstärken. Vielleicht kleiden sich Teens auch deshalb so erwachsen, weil selbst die Gesellschaft fernab der sozialen Medien längst verlernt hat, bunt und individuell zu sein. Im Minimalismus manifestiert sich unser aller Ausdruck der Ernsthaftigkeit. Wo man hinsieht, eine Ansammlung aus neutralen Tönen: Schwarz, Grau, Braun und Beige, soweit das Auge reicht. Farben, Muster und Prints hingegen zeigen Haltung, Persönlichkeit und den oft viel zu wenig priorisierten Spaß im ernsten, nach großen Erfolgen dürstenden, Zeitgeist.


Kurz gesagt: Spaß wird in der Alltagsmode unterschätzt. Wir haben Angst, zu sehr aus der Norm zu fallen, Angst, bunt und lustig zu sein. Wir haben unsere Kindheit längst in einer Fotobox verpackt. Aber: Why so serious? Das ist deine Einladung, dich selbst nicht zu ernst zu nehmen (oder zu kleiden) und manchmal eben doch auf die mutige Stimme des Kindes in dir zu hören.



Hier zu meinem Substack <3

