Zwischen Filter und Realität
Du stehst morgens vor dem Kleiderschrank und hast keine Ahnung, was du anziehen sollst? Kein Problem, heutzutage schauen wir kurz auf den sozialen Medien bei unseren Lieblingsinfluencer:innen vorbei und holen uns Inspiration. Es scheint, dass wir inzwischen abhängig davon sind, uns Outfits anzusehen, bevor wir uns einkleiden. Es ist schon ein bisschen absurd, den eigenen Geschmack davon abhängig zu machen, was Personen des öffentlichen Lebens tragen. Unsere Eltern und Großeltern konnten sich schließlich auch jeden Morgen für ein Outfit entscheiden– ganz ohne Pinterest, Instagram und Co.
Social Media und Du
Ob Social Media eher Fluch oder Segen ist, habe ich mich schon oft gefragt, wenn ich durch meine For-You-Page geswipt habe. Um einmal hinter die Kulissen zu schauen, habe ich eine Umfrage mit dem Titel „Social Media und du“ durchgeführt. Die dreißig Teilnehmer:innen waren zwischen 18 und 25 Jahre alt, die verschiedene Fragen zur Auswirkung von Social Media, ihren Wünschen und ihrer Kritik an den Plattformen beantwortet haben. Bewusst habe ich die Umfrage so aufgebaut, dass ich Antworten zu allen Kriterien bekomme, ohne vorher eine Tendenz in die positive oder negative Richtung vorzugeben.
Im Bezug auf die tägliche Bildschirmzeit hat die Umfrage ähnliche Ergebnisse ergeben, wie die Studie „Deloitte Global Mobile Consumer Survey (2023)“. Bei einer durchschnittlichen Nutzung von drei bis vier Stunden täglich ist es nur logisch, dass Social Media Einfluss auf das Leben der Nutzer hat. Wonach suchst du auf den Apps, bei welchen Beiträgen hörst du auf zu scrollen, was bekommt ein Like? Das sind alles Aspekte, die den Algorithmus beeinflussen. Noch wichtiger als der Feed, der dir ausgespielt wird, ist aber, wie du als Nutzer darauf reagierst, was du daraus mitnimmst und welche Gefühle die Inhalte bei dir auslösen.
In den Antworten meiner Umfrage war ganz deutlich erkennbar, wie unterschiedlich die Teilnehmer:innen von Social Media profitieren, beziehungsweise wie es Ihnen schadet. 57 Prozent haben für vermehrt positive Einflüsse gestimmt. Das bedeutet auch, dass 43 Prozent von eher negativen Einflüssen geprägt sind.
Nicht schön – nicht teilbar
Auf Social Media ist alles perfekt: der beste Winkel, das optimale Licht. Bilder und Videos sind inszeniert. Vor allem Influencer:innen neigen dazu, nur die besten Seiten ihres Lebens zu zeigen. Vermeintlich reale Situationen werden perfektioniert. Das ist der entscheidende Punkt: Das Leben der Influencer:innen wird immer öfter als Norm gesehen.
Nehmen wir @sara.xts als Beispiel. Sie ist Anfang zwanzig und verdient ihr Geld als Influencerin mit über 200k Followern auf TikTok und 80k Followern auf Instagram. Während für andere Menschen in dem Alter die Kosten für den Führerschein eine Herausforderung darstellen, fährt sie eine neue A-Klasse-Limousine von Mercedes-Benz.
Der Psychologe und Autor von „iGen“ Dr. Jean Twenge erklärt: „Social Media verstärkt die kulturelle Tendenz zur Perfektion und stellt unrealistische Maßstäbe auf. Nutzer fühlen sich oft dazu gedrängt, ihre eigene Realität den idealisierten Bildern und Videos anzupassen, was zu einem gesteigerten Druck führt.“ So ist es auch mit dem scheinbar perfekten Aussehen, das auf Social Media verbreitet wird. In meiner Umfrage gaben viele Teilnehmer:innen an, dass sie die übertrieben inszenierten Inhalte als belastend empfinden. Bilder werden optimiert, Videos bearbeitet, Filter verdecken jegliche Makel.
Apps wie Facetune oder Peachy machen es Nutzern leicht, ein perfektes Erscheinungsbild zu erschaffen. Die Folge: Viele fühlen sich unzulänglich und vergleichen sich unbewusst mit diesen unrealistischen Idealen. Pickel, Cellulite, Behaarung, oder Falten sind nicht schön, nicht teilbar.

Mut zur Transparenz
Obwohl man weiß, dass die Inhalte, die geteilt werden, nicht der Realität entsprechen verunsichern sie. Man vergleicht sich automatisch mit dem, was man sieht, und wird jedes Mal mit dem gleichen Fakt konfrontiert: Du bist nicht gut genug. Eine Studie der „Royal Society for Public Health“ (RSPH) ergab, dass Plattformen wie Instagram und Snapchat die psychische Gesundheit negativ beeinflussen können, insbesondere von jungen Frauen. Laut der Studie berichten 70 Prozent der Befragten, dass sie sich nach der Nutzung sozialer Medien schlechter mit ihrem eigenen Aussehen fühlen.
Eine Umfrage der Krankenkasse AOK beschäftigte sich 2023 mit der Transparenz bezüglich Filtern und Bearbeitung von Bildern auf Social Media. Das Ergebnis: Fast alle Nutzer:innen (97 Prozent) bearbeiten ihre Fotos. Fast jede:r Dritte verwendet Beauty-Filter. Als Reaktion darauf forderte die AOK-Chefin Carola Reimann, dass „geschönte Bilder im Netz gekennzeichnet werden müssen.“
Auf TikTok und Instagram wurde ein Schritt in die richtige Richtung gemacht. Alle Filter, die über die App genutzt werden, sind auf den Videos und Bildern gekennzeichnet. Leider ist diese Funktion noch nicht verbreitet genug. Die meisten Creator:innen filmen und fotografieren selten in den Apps selbst. Auch die Bearbeitung spielt sich auf externen Apps wie beispielsweise Facetune oder Snapseed ab. Durch wie viele Programme das Endergebnis gelaufen ist, bevor es mit der Welt geteilt wurde, ist nicht mehr ersichtlich.
Experten wie die Psychologin Dr. Jennifer Mills von der York University argumentieren, dass die Einführung klarer Richtlinien und Warnhinweise für bearbeitete Inhalte ein Schritt zur Verbesserung des Selbstwertgefühls der Nutzer:innen wäre.
Auch in meiner Umfrage wurde der Wunsch nach Transparenz deutlich. Auf die Frage, was sich die Teilnehmer:innen von Social- Media-Plattformen wünschen, waren 70 Prozent für mehr Realität auf den Plattformen und Kennzeichnung von Filtern.
Behind the Scenes
So sehr die inszenierte Perfektion und die daraus resultierende Selbstzweifel belastend sein können, dürfen wir nicht vergessen, dass Social Media auch eine Quelle der Inspiration und des Austauschs ist. Es ist eben diese Ambivalenz, die Social Media ausmacht: einerseits Druck und Idealisierung, andererseits Kreativität, Vielfalt und Gemeinschaft. Die entscheidende Frage ist, wie wir die Plattformen nutzen und welche Inhalte wir konsumieren, oder bewusst meiden.
Nehmen wir an, es geht um die Entscheidung, was du nach dem Schulabschluss machst. Wie wäre es mit einem „Behind the Scenes“ oder dem Vlog einer Person, die genau das Leben lebt, das dich interessiert. Ich selbst wurde durch Social Media und eine Creatorin auf ein Studium an der AMD aufmerksam, weil sie Vlogs von ihrem Unialltag geteilt und damit mein Interesse geweckt hatte.
Auch jetzt im Studium merke ich, wie nützlich und zum Teil auch notwendig soziale Medien in der Welt der Mode sind. Instagram-Accounts wie Highsnobiety oder Dazed halten uns immer auf dem Laufenden; Modedesigner:innen, egal ob groß oder klein, teilen ihre Kollektionen oder nehmen ihre Follower:innen mit hinter die Kulissen. Auch LinkedIn gehört zu den sozialen Medien und ist ein wichtiges Werkzeug, um sich ein Netzwerk aufzubauen.
Meine Umfrage ergab, dass die Kreativität der User:innen generell gefördert wird. Man kann sich als Person immer wieder neu entdecken. Neue Interessen finden, Hobbys ausprobieren. 51 Prozent der Teilnehmer:innen sind der Meinung, dass sie durch Social Media offener gegenüber neuen Erfahrungen geworden sind. Jan Firsching, Experte für Social-Media-Marketing, betont: „Warum werden Inhalte oft viral? Weil sie etwas anders machen und ausprobieren. Der Kreativität wird freien Lauf gelassen und so entstehen neue Trends.“
Natürlich spielt der Algorithmus eine große Rolle und beschränkt die ausgespielten Inhalte meist auf schon bekannte Interessen.
Dennoch ist dir bestimmt aufgefallen, dass ab und zu auch Inhalte eingespielt werden, die nicht zu deinem gewohnten Feed passen oder viral gegangen sind, weil sie zu den Interessen vieler User:innen passen. Je nachdem wie du auf den Beitrag reagierst, passt sich der Algorithmus immer wieder an.
Nicht nur die Vielzahl an Inhalten, sondern auch die Möglichkeit, sich mit unterschiedlichen Menschen auszutauschen, ist eine Möglichkeit, seinen Blickwinkel auf die Welt weiterzuentwickeln. Nehmen wir TikTok als Beispiel. Die App wird zum Glück nicht nur von Influencer:innen oder Privatpersonen genutzt. Wir finden dort Expert:innen aus verschiedenen Bereichen, die in Form kurzer Videos ihr Wissen mit der Welt teilen. In den Kommentaren kann man sich mit den Ersteller:innen des Beitrags, aber auch mit anderen Usern austauschen. Man trifft auf Menschen aus den unterschiedlichsten Lebensbereichen, lernt andere Meinungen kennen und kann sich seine eigene bilden.
„I FOUND THAT INSPIRATIONAL QUOTES MAKE ME FEEL BETTER“
-JAMES GEARY
Swipe-Off
Social Media ist, wie so vieles im Leben, was wir daraus machen. Es liegt an uns, kritisch mit den Plattformen umzugehen, Filter und Inszenierungen zu hinterfragen und gezielt Inhalte zu suchen, die uns bereichern. Wenn wir uns dieser Ambivalenz bewusst sind, können wir die Vorteile nutzen und uns gleichzeitig vor den Nachteilen schützen. Denn letztlich zeigt sich: Social Media ist nicht nur eine digitale Welt, sondern ein Spiegel unserer eigenen – mit all ihren Höhen und Tiefen.
